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Casolare

(99 Bewertungen)

Eine Pizza „mit allem“, wie sie Gerhard Polt 1987 in seinem Film „Man spricht deutsh“ auf bayrische Art grinsend von einem verdutzten italienischen Kellner verlangte, bekommt man im Casolare nicht, wohl aber viele Pizzen mit so ziemlich allem, was italienisch ist: Büffelmozzarella, Rucolaberge und Pizze bianche, also Pizzen ohne Tomate. Nicht Pizza basierte Speisen gibt es auch, eine von Tag zu Tag neu beschriebene Tafel an der Lokalwand gibt hierüber Auskunft. Nein, an diesem Restaurant ist nichts zu kritisieren, es ist sich über die Jahre hinweg immer treu geblieben.

Grimmstr. 30
10967 Berlin
030-69506610
 

Auf der anderen Seite sollte man es sich gut überlegen, wie lange man eigentlich auf seine Pizza warten möchte und ob es wirklich sein muss, diese mitunter immense Wartezeit in derart beengter und dadurch schwülheißer und stickiger Umgebung zu verbringen. Und dann noch von einem flapsigen Kellner einen Blick aufzufangen, der einem signalisiert, dass man ja wohl wirklich stört und er es lieber hätte, man würde sich unbemerkt wieder aus dem Restaurant verdrücken? Aber halt: Das Casolare ficht das alles nicht an. Seit Jahren schon sind die Verhältnisse so, wie sie sind und etwas anderes wollte der von waschechten Italienern betriebene Laden nicht sein. Casolare, das bedeutet auf Deutsch „Landhaus“. Die Cucina casalinga, die dort nun schon scheinbar ewiger Zeit angeboten wird, ist nichts anderes als „Hausmannskost“, wenn auch all’italiana. Doch während das deutsche Pendant, etwa Kohlroulade oder Sauerbraten, in Kreuzberg lange Zeit nicht den Hauch einer kulinarischen Chance hatte (in letzter Zeit scheint dies allerdings eines der vielen „ehernen“ Gesetze zu sein, die hier plötzlich nicht mehr gelten), setzte sich das Casolare auf derart überzeugende Weise durch, dass es im Kiez schnell einen ähnlichen Kultstatus genoss und immer noch genießt, wie andernorts der Film „Pulp Fiction“. Warum? Weil man als Kreuzberger einfach so lässig-fröhlich auf die Wand schreiben können will, so wie es vielen Touristen bereits getan haben: „The food was excellent! – Cathy from New Zealand.“

Es ist das Lockere der Italiener, das so gut zu Kreuzberg gepasst hat und von dessen Bewohnern schneller aufgesaugt wurde, als ein hungerndes Baby ein Fläschchen handwarmer Milch. Und auch die Pizza war besser, als so manche andere am Ort, nicht länger mehr „Brot mit Tomaten“, wie uns der Film „Solino“ kolportiert, wofür diese Speise in den Sechzigern noch von den Deutschen gehalten wurde. Also fanden sich die Kreuzberger begeistert abendlich zu einem Knäuel zusammen, aßen beengt und bedrängt ihre zugegebenermaßen vorzügliche Pizza und fanden es charmant, wenn die meist italienischen Kellner so „herrlich südländisch“ grimmig dreinblickten, wenn sie die wagenradgroßen Teller mit dampfender Ortolana oder Bufalina heranbrachten. Und nicht selten sind dieselben Kellner ja auch im Wortsinn charmant. Der Deutsche von Welt war glücklich: Endlich mal ein Stück weite Welt, das als Gegensatz zu seiner piefigen und miefigen Heimat gelten konnte. Allein der Italiener konnte sich über die Verzückung der Einheimischen nur wundern: Von einem ähnlich gehypten Laden in Italien erwartet er schon ein großzügigeres Raumangebot, Tische, Gläser und Besteck sollten glamouröser sein, und – ja – charmante Kellner will er, aber wirklich charmante, nicht so, wie es romantisierende Deutsche klischeehaft von Italienern erwarten.

Mit der Zeit und den immer zahlreicheren Gästen ließ die Qualität der Pizza im Casolare stark nach. Manchmal ist sie gar kalt, wenn das Stühle und Gäste beiseite schubsende Personal sie nach einer Ewigkeit angebracht hat. Ganz sicher kalte Pizza bekommt man, wenn man seine zurückgehen lässt, weil sie, wie so oft, von unten vollkommen verbrannt ist. Dann bekommt man eine neue, die die wärmende Strahlkraft des so beeindruckenden wie wuchtigen Holzofens nie erfahren zu haben scheint. Trotzdem expandierte das Casolare in einen anderen Stadtteil, wo Karte und Art der Gastronomie aufs Kleinste vom „Mutterlokal“ kopiert wurden und sich lediglich der Name unterscheidet. Seinen Mythos wird es also auf absehbare Zeit nicht verlieren, über die Pizzen zwischen sieben und neun Euro wird man weiterhin auf zerschlissenem und fleckigem gelben Papier Auskunft erhalten (zweisprachig), dessen Deckblatt auch in Zukunft dieselben Scherze ertragen muss, wie seit jeher (anfangs waren sie ja wirklich amüsant). Es ist auch nicht zu erwarten, dass das nun schon vergilbte Manifesto-Plakat an der Wand mit seinem müden Wortwitz dereinst mal abgehängt wird: Ein friedlich schlummerndes Baby ist darauf abgebildet, darüber steht La rivoluzione non russa, was sowohl „Die nichtrussische Revolution“, als auch „Die Revolution schnarcht nicht“ bedeuten kann. Aber hey, wieso sollte sich auch etwas ändern? Man kann das Casolare für nichts kritisieren, der Erfolg gibt ihm ja recht. Etwas anderes hat es nie gewollt als Bodenständigkeit: Der Name! Die zerstoßenen Tische! Die Hausmannskost! Die jungsche Kellnerin mit Nasenring und Steißtätowierung! Wer das alles nicht mehr möchte, sich von seinen eigenen klischeehaften Vorstellungen des Südens und der Dolce vita nicht mehr länger narren lassen will und beim Essen gerne atmet, der suche einen anderen Ort auf. Es gibt mittlerweile Berliner Pizzerien (wenn auch nicht gerade in Kreuzberg, sondern in Stadtteilen mit maroden Gehwegen) die das Casolare in einem Punkt überbieten, der doch wohl das Hauptkriterium für ein Lokal sein sollte: die Qualität der Speisen. Wer lieber weiter an die Wand schreiben will, der kehre wieder und immer wieder in das „Landhaus“ ein.

Kommentare
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Exkunde 26.05.2013

Wir kamen mit zwei kleinen Kindern zum Mittagessen. Man teilte uns mit, dass es erst 11:45 sei und das Restaurant erst um 12 Uhr öffne. Auf die Frage, ob wir uns angesichts des strömenden Regens nicht schon in die Gaststube setzen könnten, teilte uns der Kellner/Rausschmeißer/Unsympath mit, dass das nicht ginge: Man würde hier noch rauchen und essen. Und so verwies man uns wieder in den Regen. Muss ich hinzufügen, dass wir (a) keine 15 Minuten warteten, um dann dankbar eingelassen zu werden, (b) sicher keinen Fuss mehr in diesen Laden setzen werden.
Viel Spaß, liebe Touristen - der Laden gehört Euch!
P.S. Die rauchen im Restaurant, bevor die Kunden kommen? Könnten sie doch gleich in der Küche machen, oder?
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