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Kreuzberg Special Interviews Zehn Fragen an... Halina Wawzyniak

Zehn Fragen an... Halina Wawzyniak

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Das dritte Interview zur Bundestagswahl 2009 führten wir mit Halina Wawzyniak, Direktkandidatin der LINKEN für den Wahlkreis 84. Eines lässt sich daraus schnell ablesen: Von ihren starken Konkurrenten, allen voran dem Grünen Hans-Christian Ströbele, scheint die 36-jährige Juristin kaum beeindruckt.
In Kreuzberg lebt Wawzyniak seit 1996, aufgewachsen ist sie in Ostdeutschland, genauer: im brandenburgischen Königs-Wusterhausen. Ihre Sozialisation dort: Mitgliedschaft bei den Jungpionieren, den Thälmann-Pionieren und in der FDJ. Zusammen mit ihrer Mitbewerberin, Vera Lengsfeld von der CDU, kandidiert mit Wawzyniak also eine weitere ostdeutsche Frau um den Einzug in den Bundestag im Wahlkreis 84. Ob das eine Rolle spielt? Es wäre zumindest eine Zeitenwende für Kreuzberg, nachdem der so eng mit dem Bezirk und der jüngeren westdeutschen Geschichte verwobene Ströbele schon zweimal den Wahlkreis gewinnen konnte. In ihrer Partei, deren vorerst letzte Häutung zur LINKEN erst zwei Jahre zurückliegt, ist sie schon seit 1990 Mitglied. Fast seit  den Anfangstagen der "Ur-LINKEN" SED-PDS also. Momentan ist Halina Wawzyniak stellvertretende Parteivorsitzende und Bezirksvorsitzende in Friedrichshain-Kreuzberg.   
 
kreuzberg24.net: Zu Beginn eine einfache Frage: Mit welchen drei Adjektiven würden Sie sich selbst beschreiben?

Halina Wawzyniak: Ehrlich, geradlinig und etwas vorlaut.

kreuzberg24.net: Und die drei wichtigsten Schlagworte Ihres Programms?

Halina Wawzyniak: Soziale Gerechtigkeit , Frieden, Bürger- und Menschenrechte.

kreuzberg24.net: Wer ist Ihr typischer Wähler und wen wollen Sie dazu gewinnen?

Halina Wawzyniak: Es liegt mir nicht, Menschen, die ich persönlich nicht kenne, über einen Kamm zu scheren. Aber ich gehe davon aus, dass meine WählerInnen eher Sekt als Champagner trinken.
Ich möchte die Menschen  ansprechen, die finden, dass trotz Krise und Bankensterben immer gelten muss, dass diejenigen mit dem Wohlstandsbauch den Gürtel enger zu schnallen haben und nicht diejenigen, die nicht mal wissen, wie sie das Essen Ihrer Kinder von Hartz IV oder einem Tariflohn von 5 Euro bezahlen sollen.
 
kreuzberg24.net: Sie kandidieren für den Bundestag im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg-
Prenzlauer Berg. Was kann denn ein Bundestagsabgeordneter überhaupt noch für seinen Wahlkreis tun, ist die Distanz zu den lokalen Problemen dann nicht viel zu groß?

Halina Wawzyniak: Als Juristin sage ich: Es kommt darauf an. Ich wohne im Wahlkreis und insofern weiß ich auch, welche Probleme hier auf der Straße liegen. Fragen Sie mal Ströbele warum er eigentlich nicht in Kreuzberg wohnt...
Aber im Ernst: Letztlich haben  viele Sorgen, unter denen die Menschen in unserem Bezirk leiden ja ihren Ursprung in der Bundespolitik. Ob das nun Hartz IV und geringe Löhne sind oder die zunehmende Überwachung auf U-Bahnhöfen oder die Mietengesetzgebung des Bundes. Und diese Probleme gilt es aus der Sicht unseres Wahlkreises zu verändern.

kreuzberg24.net: Erst kürzlich ist der neue Berliner Sozialstrukturatlas veröffentlicht worden. Kreuzberg zählt noch immer zu den sozial benachteiligten Bezirken. Die drei größten Probleme sind Armut, Arbeitslosigkeit und auch das Problem der Gentrifizierung. Als Direktkandidat wird man Sie auch daran messen, wie erfolgreich Sie bei der Bekämpfung der genannten Probleme sind. Wie ist Kreuzberg zu helfen?

Halina Wawzyniak: Zunächst glaube ich, dass es sich nicht allein um ein Problem von Kreuzberg handelt, sondern um ein Problem das den gesamten Wahlkreis betrifft und eine gesellschaftliche Richtung aufzeigt. Armut kann dadurch bekämpft werden, dass Hartz IV überwunden und durch eine sanktionsfreie Mindestsicherung ersetzt wird. Armut kann dadurch bekämpft werden, dass diejenigen die in Arbeit sind auch von dieser Arbeit leben können, also ein gesetzlicher Mindestlohn endlich eingeführt wird. Arbeitslosigkeit kann durch einen öffentlich geförderten Beschäftigungssektor – wie er in Berlin eingeführt wurde – bekämpft werden. Ein Investitionsprogramm auf Bundesebene ist ebenso nötig wie eine andere Steuerpolitik. Der Gentrifizierung kann nur im Zusammenwirken mit außerparlamentarischen Gruppen und Bewegungen begegnet  werden. Ich glaube hier gibt es kein Patentrezept, auch wenn beispielsweise ein vernünftiger Mietspiegel und die Verpflichtung sich an diesen zu halten, ein Ansatz wäre. Es muss darum gehen Wohnortverbesserungen nicht zu Lasten derjenigen durchzuführen, die seit Jahren hier leben und nur über ein geringes Einkommen verfügen.

kreuzberg24.net: Lassen Sie uns noch kurz bei einem ganz aktuellen Problem bleiben. Noch hält die Weltwirtschaftskrise an und der Unmut auf die Verursacher ist nach wie vor groß – auch auf die Politik, die dennoch immer neue Versprechen macht. Wie kann die Politik Ängste nehmen?

Halina Wawzyniak: Die Politik muss vor allem ehrlich sein. Sie muss sagen was geht und was nicht geht, auch wenn das möglicherweise die eine oder andere Wähler/innen-Stimme kostet. Die Politik muss aber auch die Verursacher der Krise zur Kasse bitten, was beispielsweise heißt die Managergehälter zu begrenzen und den Finanzsektor der öffentlichen Kontrolle unterwerfen. Außerdem ist es, mit Verlaub, eine Frechheit, dass die Banken nicht einmal verpflichtet werden, aus zukünftigen Gewinnen die geschenkten Steuergelder wieder zurückzuzahlen. Ich bin immer wieder sprachlos, wenn auf einmal problemlos die Milliarden vom Staat ausgereicht werden, nachdem es über Jahre nicht möglich war, Investitionen z.B. im Bildungsbereich auf ein auskömmliches Maß anzuheben.

kreuzberg24.net: Haben Sie eigentlich noch so etwas wie eine politische Utopie, die Idee von einer besseren Gesellschaft? Oder ist das eine Frage, die einen Realpolitiker im Tagesgeschäft nicht mehr beschäftigt, eine unmoderne Vorstellung des Politikerberufs?

Halina Wawzyniak: Meine Utopie ist eine Gesellschaft in der die Unterdrückung des Menschen durch den Menschen abgeschafft ist. Das verstehe ich unter Sozialismus und Freiheit. Von Politiker/innen die eine ähnliche Utopie haben, erwarte ich, dass sie jeden Schritt ihres Handelns daraufhin überprüfen ob er diesem Ziel näher kommt oder es zumindest nicht verstellt.

kreuzberg24.net: Der Politik wurde offensichtlich „das Heft des Handelns“ aus der Hand genommen. Sie reagiert nur noch auf Krisen, subventioniert hier, kürzt dort. Hat die Politik heute überhaupt noch reale Einflussmöglichkeiten auf wirtschaftliche und soziale Entwicklungen?

Halina Wawzyniak: Die Politik muss die demokratische Kontrolle über die Wirtschaft wiedergewinnen. Wenn sie das erreicht, dann steigen ihre realen Handlungsmöglichkeiten wieder.

kreuzberg24.net: Ihr stärkster Mitbewerber, Hans-Christian Ströbele, der das Direktmandat für seine Partei bereits zweimal gewonnen hat, scheint in Kreuzberg unbesiegbar. Was sind die Stärken Ströbeles?

Halina Wawzyniak: Er ist geschickt darin, den Eindruck zu erwecken, er wäre ein parteiloser Kämpfer für alles Gute in der Welt und nicht etwa Bundestagsabgeordneter der Grünen, dessen politische Höchstleistung regelmäßig darin besteht, sich bei entscheidenden Abstimmungen zu enthalten oder ihr gleich fernzubleiben.
 
kreuzberg24.net: Die letzte Frage: wie sieht Kreuzberg für Sie in zehn Jahren aus?

Halina Wawzyniak: Rot. Links. Und emanzipiert genug, anzuerkennen, dass Friedrichshain auch nicht übel ist.

kreuzberg24.net: Vielen Dank für das Interview.
 
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