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Kreuzberg Special Kolumne Trinkteufel, Fixer und Bombenbastler

Trinkteufel, Fixer und Bombenbastler

(19 Bewertungen)
Einen schönen Giftcocktail serviert man uns da so kurz vor Weihnachten: von Trinkteufeln, Fixern und Bombenbastlern. Kreuzberg kommt momentan gar nicht gut weg im Kanon der Presse. Haben wir uns gerade erst an die Schlagzeilen von brennenden Luxuskarossen und beschmierten Loft-Fassaden gewöhnt, gießt man nun reichlich mediales Öl nach, um die ewige Flamme der Empörung am Leben zu erhalten. Pete Dohertys viel beschriebene Kneipentour durch Kreuzberg ist da noch das NebensĂ€chlichste. Denn wir befinden uns hier mitten im Kriegsgebiet: ein BĂŒrgeraufstand gegen die Fixer vom Kottbusser Tor formiert sich, wĂ€hrend zur selben Zeit schwarz verhĂŒllte angry young men in verrumpelten WG-Zimmern an einer neuen Superbombe basteln. Ach so, ja, und nicht zu vergessen: Kreuzbergs Mieten steigen und steigen. Auch darĂŒber mĂŒssen wir  mal sprechen. Oder etwa nicht? - Eine Mediennachlese.
 
Man fragt sich langsam, wie passt das alles eigentlich zusammen? Denn das alles passt gar nicht zusammen. Doch fangen wir von vorne an.
 
Der nicht durch Talent, sondern durch wiederkehrende Exzesse auffĂ€llig gewordene Popbarde Doherty beschließt seine Deutschlandtournee ausgerechnet im Kreuzberger Trinkteufel. Was genau dort vorgefallen ist - nicht mal der Barkeeper, der Doherty Bier ausschenkte, weiß es genau. Stimmt nicht ganz! Doherty habe im Trinkteufel  erst Schnaps getrunken, dann nach "Drogen" gefragt und sei danach gröhlend und Scheiben einschlagend weitergezogen, weiß der Tagesspiegel, der es wieder von der Polizei weiß. Gut fĂŒr Doherty, schlecht fĂŒr den Trinkteufel und Kreuzberg. Denn - so schreibt der Tagesspiegel in seiner Doherty-Nachberichterstattung weiter -, wir alle haben das Wichtigste ĂŒbersehen - die Kinosessel vor den Toiletten im Trinkteufel. Ja, genau: "In keinem anderen Lokal habe ich so gemĂŒtlich Schlange gesessen und ich muss kein Punker sein, um Sitzkomfort zu schĂ€tzen", erinnert sich der Tagesspiegelautor an seine eigenen Kneipentouren durch den Trinkteufel. Dass der Trinkteufel nun einen Ruf als Absturzkneipe besitzt und Kreuzberg den eines Absturzviertels, Pech gehabt. Dieselbe Zeitung, die Dohertys bierselige Nacht in mehreren Artikeln ausfĂŒhrlich rekonstruierte, sorgt sich einen Artikel spĂ€ter um den Ruf des Stadtbezirks und seiner Absturzkneipen (ja, der Trinkteufel war und ist eine solche und das ist auch nicht weiter schlimm oder aufregend und daher muss diese Kneipe auch gar nicht in Schutz genommen werden).
 
Weiter geht die schwindelerregende Fahrt. Zum Kottbusser Tor. Das Problem mit der Drogenszene ist alt und bekannt - nun soll die Szene versetzt werden. Ein paar Meter weiter in eine Kita in der Reichenberger Straße. DarĂŒber machen sich viele Leute Sorgen, eine BĂŒrgerinitiave formierte sich. Doch was macht die Bild-Zeitung daraus? "Unter der Hochbahn sollen sich Junkies in eigenen Bungalows Drogen spritzen" - die Schlagzeile ist an unfreiwilliger Komik wirklich nicht leicht zu ĂŒberbieten (GlĂŒckwunsch!). Weiter ist in der kurzen Meldung davon die Rede, der Bezirk plane, die Junkies "aus den EingĂ€ngen der umliegenden WohnhĂ€user und U-BahnschĂ€chte auf die Verkehrsinsel" zu locken. "Zu locken". Wer bei solchen Formulierungen nicht an die Jagd nach Ratten denkt, der ist betriebsblind fĂŒr die Polemiken der Bild.
 
Doch wir haben keine Zeit hier zu verweilen, weiter geht's. Und nun wird es so richtig kriminell. Autonome bauen an der Superbombe! Das wiederum stammt nicht aus der Bild, sondern dem vorhin bereits zitierten Tagesspiegel. Man geht nochmal die jĂŒngste Geschichte des Kreuzberger HĂ€userkampfes gegen das Carloft-Haus und die allabendlich niederbrennenden Autos durch, dann fĂ€llt das Wort, vor dem sich alle fĂŒrchten: Linksterrorismus. Schleyer, Stammheim, Mogadischu ziehen vor dem geistigen Auge vorbei - ein Gespenst geht um in Kreuzberg, das Gespenst der RAF. Um was geht es? Im Internet kursiere eine Bauanleitung fĂŒr eine neue und gefĂ€hrliche Gaskartuschenbombe, erzĂ€hlt der Tagesspiegel knapp. Ein, zwei Vertreter aus "Sicherheitskreisen" kommen noch kurz zu Wort und die warnen vor einer zunehmenden Eskalation inklusive "PersonenschĂ€den". Punkt.
 
Jeder mag sich auf diese Kreuzberger Medienmelange der letzten Tage und Wochen seinen eigenen Reim machen. Eins scheint klar: Wir leben hier auf einem Pulverfass. Doch nicht mehr lange vielleicht. Denn die Kreuzberger Mieten steigen und steigen ja parallel zu den beschriebeben Ereignissen immer weiter an. Aber das ist schon wieder ein anderes heißes Thema.        
Kommentare
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capcut 25.12.2009

der bildslogan hats bei mir in die persönliche best of ten bildtitel geschafft :D au mansen ...

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aber feiner artikel :-)

greets cc

p.s. ach ja: frohe weihnachten :-)
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