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Kreuzberg Special Kolumne Seid einig, einig, einig!

Seid einig, einig, einig!

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Einmal im Jahr ├╝bertr├Ągt das TV ein merkw├╝rdiges Spektakel: Da ist eine breite Stra├če zu sehen auf der sich viele, ja sehr viele Menschen befinden. Obwohl diese Menschen so zahlreich erscheinen, lassen sie eine ziemlich breite Gasse, durch die nach und nach geballte Milit├Ąrmacht rollt: Panzer sind zu sehen, Infanterie. Dann wird auf Lafetten Artillerie hinter Lkws hergezogen. Sogar Kavallerie hoppelt durch die Gasse dieser sehr breiten Stra├če und zu guter letzt wird die Szenerie von mehreren D├╝senjets ├╝berdonnert, die Abgasschleppen in drei Farben hinter sich herziehen: rot, wei├č und blau. Was geschieht da? Richtig: Die Franzosen feiern ihren Nationalfeiertag.

Und wie begehen die Deutschen ihren Nationalfeiertag, den Tag ihrer Einheit? Nun, das gr├Â├čte Fest fand nicht etwa in Berlin, sondern in Hamburg statt. Zu diesem Anlass gab es eine ÔÇ×EinheitssuppeÔÇť, die aus 16 Zutaten gefertigt wurde, eine jede aus einem anderen Bundesland. Wei├čwurst mit Fisch, oder so. Jeder Koch w├╝rde wahrscheinlich die H├Ąnde ├╝ber dem Kopf zusammenschlagen. Fahnen, wie in jedem anderen Land zu einem solchen Anlass ├╝blich, die doch auch noch vor ein paar Wochen anl├Ąsslich dieses Fu├čball-Dings so aktuell waren, zeigten die TV-Bilder nicht. Lacht man woanders ├╝ber Deutschland? Wer wei├č. Sicher ist, dass wer immer auf der Welt einen Rat sucht, wie man einen Nationalfeiertag richtig feiert, sich bestimmt nicht an Deutschland wendet.

Nun ja, Kreuzberg, das ja eigentlich schon zu feiern wei├č, hat in diesem Falle auch nichts zu bieten. Ziemlich zaghaft stellte sich dem Kreuzberger heute Morgen dar, dass sich schon wieder gej├Ąhrt, was heute so selbstverst├Ąndlich ist: Die Einheit der Deutschen. Einzig die Lettern einer Suchmaschine waren tagesaktuell in die Nationalfarben getaucht und ein ebenso gef├Ąrbter Umriss von Deutschland bildete einen der Buchstaben dieses Findeinstruments (kleiner Tipp: ein ÔÇ×GÔÇť). Auf Kreuzberger Stra├čen war es ziemlich ruhig, obwohl doch normalerweise an einem sch├Ânen Tag wie heute etwa die Bergmannstra├če voller Menschen ist, die von einem Caf├ę zum n├Ąchsten ziehen, um dort in der Kaffeetasse zu r├╝hren. Heute davon keine Spur. Man hatte ja erwartet, dass junge deutsche P├Ąrchen durch die Stra├če schlendern, den tollenden Nachwuchs vor sich hertreibend, und sich an der Deutschen Einheit erfreuen. Woanders w├Ąre das der Fall. Hier? Nichts. Stattdessen ein italienisches Stra├čenmusiker-P├Ąrchen, das den schwungvollen Carosone-Hit Tu vuoÔÇÖ faÔÇÖ lÔÇÖamericano sang, ein tibetanische Flagge, die aus einem Fenster hinaushing und Solidarit├Ąt eines Anwohners mit dem Dalai Lama bekundete, und mehrere Menschen, die sich in den Sprachen Franz├Âsisch, Englisch und Spanisch unterhielten, was man ja sehr gerne h├Ârt. Aber Bekundungen zu Deutschland? Fehlanzeige. Bekundungen zu anderen L├Ąndern indes die F├╝lle: Die Josephine zeigte wie selbstverst├Ąndlich Flagge, die sehr sch├Âne franz├Âsische n├Ąmlich. Auch nach weiterf├╝hrenden Wanderungen bis an den Landwehrkanal konnte man nichts entdecken, was auf den deutschen Nationalfeiertag h├Ątte schlie├čen lassen k├Ânnen. Daf├╝r waren zwei spanische Flaggen zu verzeichnen und ├╝berall erscholl es t├╝rkisch aus den H├Ąusern.

Jetzt kann man das Klagelied anstimmen: Die Deutschen sind eben noch nicht ├╝ber ihre Geschichte hinweg und es ist typisch deutsch, eben nicht deutsch sein zu wollen. Kann man aber auch bleiben lassen. Offenbar hat uns die Geschichte etwas gelehrt, n├Ąmlich dass dieses Land mal enorm viel falsch gemacht hat, weil ihm sein Nationalgetue zu Kopf gestiegen war. Ist es nicht sogar auch affig, wenn ein Land einmal im Jahr mit Panzerwagen den Asphalt seiner ber├╝hmtesten Stra├če ruiniert? Oder wie war es jetzt bei Medwedews Amtseinf├╝hrung, des neuen russischen Pr├Ąsidenten? Auch so eine Milit├Ąr-Sache. 40 Millionen Euro Schaden allein an der Kanalisation. Wer, wenn ├╝berhaupt, sollte hier denn bittesch├Ân wen auslachen? Dann doch lieber Einheitssuppe mit sechzehnerlei Zutaten.

Obwohl es bei Feiereien nie zur├╝cksteckt, kann auch Kreuzberg Deutschland zum Nationalfeiertag nicht hochleben lassen, aber das verwundert nat├╝rlich nicht. Es ist das Amerika unter den deutschen Stadtgebieten, Leute von ├╝berall her haben sich hier niedergelassen. Das bedeutet freilich nicht, dass es hier keine Deutschen mehr g├Ąbe, aber die schwingen eben keine F├Ąhnchen, nur weil vor 18 Jahren malÔÇŽ Ist halt so, auch wenn das vor 18 Jahren ein wirklich dolles Ding war. Und das ist auch gut so! Ist Nationalismus nicht die ├╝berholteste Sache der Welt? Zeigt es nicht, dass Deutschland weltoffen ist? Ja, das tut es. In diesem Sinne: Vive la France! Viva Espa├▒a! Viva Italia! Freiheit f├╝r Tibet! - Und Deutschland? Nun, auch Deutschland m├Âge nat├╝rlich hochleben. Und: ÔÇ×Seid einig, einig, einig!ÔÇť

Christoph Seyfert

 

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