Seid einig, einig, einig! |
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Einmal im Jahr überträgt das TV ein merkwürdiges Spektakel: Da ist eine breite Straße zu sehen auf der sich viele, ja sehr viele Menschen befinden. Obwohl diese Menschen so zahlreich erscheinen, lassen sie eine ziemlich breite Gasse, durch die nach und nach geballte Militärmacht rollt: Panzer sind zu sehen, Infanterie. Dann wird auf Lafetten Artillerie hinter Lkws hergezogen. Sogar Kavallerie hoppelt durch die Gasse dieser sehr breiten Straße und zu guter letzt wird die Szenerie von mehreren Düsenjets überdonnert, die Abgasschleppen in drei Farben hinter sich herziehen: rot, weiß und blau. Was geschieht da? Richtig: Die Franzosen feiern ihren Nationalfeiertag.
Nun ja, Kreuzberg, das ja eigentlich schon zu feiern weiß, hat in diesem Falle auch nichts zu bieten. Ziemlich zaghaft stellte sich dem Kreuzberger heute Morgen dar, dass sich schon wieder gejährt, was heute so selbstverständlich ist: Die Einheit der Deutschen. Einzig die Lettern einer Suchmaschine waren tagesaktuell in die Nationalfarben getaucht und ein ebenso gefärbter Umriss von Deutschland bildete einen der Buchstaben dieses Findeinstruments (kleiner Tipp: ein „G“). Auf Kreuzberger Straßen war es ziemlich ruhig, obwohl doch normalerweise an einem schönen Tag wie heute etwa die Bergmannstraße voller Menschen ist, die von einem Café zum nächsten ziehen, um dort in der Kaffeetasse zu rühren. Heute davon keine Spur. Man hatte ja erwartet, dass junge deutsche Pärchen durch die Straße schlendern, den tollenden Nachwuchs vor sich hertreibend, und sich an der Deutschen Einheit erfreuen. Woanders wäre das der Fall. Hier? Nichts. Stattdessen ein italienisches Straßenmusiker-Pärchen, das den schwungvollen Carosone-Hit Tu vuo’ fa’ l’americano sang, ein tibetanische Flagge, die aus einem Fenster hinaushing und Solidarität eines Anwohners mit dem Dalai Lama bekundete, und mehrere Menschen, die sich in den Sprachen Französisch, Englisch und Spanisch unterhielten, was man ja sehr gerne hört. Aber Bekundungen zu Deutschland? Fehlanzeige. Bekundungen zu anderen Ländern indes die Fülle: Die Josephine zeigte wie selbstverständlich Flagge, die sehr schöne französische nämlich. Auch nach weiterführenden Wanderungen bis an den Landwehrkanal konnte man nichts entdecken, was auf den deutschen Nationalfeiertag hätte schließen lassen können. Dafür waren zwei spanische Flaggen zu verzeichnen und überall erscholl es türkisch aus den Häusern.
Obwohl es bei Feiereien nie zurücksteckt, kann auch Kreuzberg Deutschland zum Nationalfeiertag nicht hochleben lassen, aber das verwundert natürlich nicht. Es ist das Amerika unter den deutschen Stadtgebieten, Leute von überall her haben sich hier niedergelassen. Das bedeutet freilich nicht, dass es hier keine Deutschen mehr gäbe, aber die schwingen eben keine Fähnchen, nur weil vor 18 Jahren mal… Ist halt so, auch wenn das vor 18 Jahren ein wirklich dolles Ding war. Und das ist auch gut so! Ist Nationalismus nicht die überholteste Sache der Welt? Zeigt es nicht, dass Deutschland weltoffen ist? Ja, das tut es. In diesem Sinne: Vive la France! Viva España! Viva Italia! Freiheit für Tibet! - Und Deutschland? Nun, auch Deutschland möge natürlich hochleben. Und: „Seid einig, einig, einig!“ Christoph Seyfert
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