Mitmachen!

Du hast einen Lieblingsort in Kreuzberg, den es auf kreuzberg24.net noch nicht gibt? Oder da ist etwas, das dich an Kreuzberg wahnsinnig nervt? Dann lass es uns wissen! Schick' deinen Text einfach an post(at)kreuzberg24.net und wir veröffentlichen ihn. Wir freuen uns auf deinen Beitrag.
Kreuzberg Special Kolumne Seid einig, einig, einig!

Seid einig, einig, einig!

(15 Bewertungen)

Einmal im Jahr ĂŒbertrĂ€gt das TV ein merkwĂŒrdiges Spektakel: Da ist eine breite Straße zu sehen auf der sich viele, ja sehr viele Menschen befinden. Obwohl diese Menschen so zahlreich erscheinen, lassen sie eine ziemlich breite Gasse, durch die nach und nach geballte MilitĂ€rmacht rollt: Panzer sind zu sehen, Infanterie. Dann wird auf Lafetten Artillerie hinter Lkws hergezogen. Sogar Kavallerie hoppelt durch die Gasse dieser sehr breiten Straße und zu guter letzt wird die Szenerie von mehreren DĂŒsenjets ĂŒberdonnert, die Abgasschleppen in drei Farben hinter sich herziehen: rot, weiß und blau. Was geschieht da? Richtig: Die Franzosen feiern ihren Nationalfeiertag.

Und wie begehen die Deutschen ihren Nationalfeiertag, den Tag ihrer Einheit? Nun, das grĂ¶ĂŸte Fest fand nicht etwa in Berlin, sondern in Hamburg statt. Zu diesem Anlass gab es eine „Einheitssuppe“, die aus 16 Zutaten gefertigt wurde, eine jede aus einem anderen Bundesland. Weißwurst mit Fisch, oder so. Jeder Koch wĂŒrde wahrscheinlich die HĂ€nde ĂŒber dem Kopf zusammenschlagen. Fahnen, wie in jedem anderen Land zu einem solchen Anlass ĂŒblich, die doch auch noch vor ein paar Wochen anlĂ€sslich dieses Fußball-Dings so aktuell waren, zeigten die TV-Bilder nicht. Lacht man woanders ĂŒber Deutschland? Wer weiß. Sicher ist, dass wer immer auf der Welt einen Rat sucht, wie man einen Nationalfeiertag richtig feiert, sich bestimmt nicht an Deutschland wendet.

Nun ja, Kreuzberg, das ja eigentlich schon zu feiern weiß, hat in diesem Falle auch nichts zu bieten. Ziemlich zaghaft stellte sich dem Kreuzberger heute Morgen dar, dass sich schon wieder gejĂ€hrt, was heute so selbstverstĂ€ndlich ist: Die Einheit der Deutschen. Einzig die Lettern einer Suchmaschine waren tagesaktuell in die Nationalfarben getaucht und ein ebenso gefĂ€rbter Umriss von Deutschland bildete einen der Buchstaben dieses Findeinstruments (kleiner Tipp: ein „G“). Auf Kreuzberger Straßen war es ziemlich ruhig, obwohl doch normalerweise an einem schönen Tag wie heute etwa die Bergmannstraße voller Menschen ist, die von einem CafĂ© zum nĂ€chsten ziehen, um dort in der Kaffeetasse zu rĂŒhren. Heute davon keine Spur. Man hatte ja erwartet, dass junge deutsche PĂ€rchen durch die Straße schlendern, den tollenden Nachwuchs vor sich hertreibend, und sich an der Deutschen Einheit erfreuen. Woanders wĂ€re das der Fall. Hier? Nichts. Stattdessen ein italienisches Straßenmusiker-PĂ€rchen, das den schwungvollen Carosone-Hit Tu vuo’ fa’ l’americano sang, ein tibetanische Flagge, die aus einem Fenster hinaushing und SolidaritĂ€t eines Anwohners mit dem Dalai Lama bekundete, und mehrere Menschen, die sich in den Sprachen Französisch, Englisch und Spanisch unterhielten, was man ja sehr gerne hört. Aber Bekundungen zu Deutschland? Fehlanzeige. Bekundungen zu anderen LĂ€ndern indes die FĂŒlle: Die Josephine zeigte wie selbstverstĂ€ndlich Flagge, die sehr schöne französische nĂ€mlich. Auch nach weiterfĂŒhrenden Wanderungen bis an den Landwehrkanal konnte man nichts entdecken, was auf den deutschen Nationalfeiertag hĂ€tte schließen lassen können. DafĂŒr waren zwei spanische Flaggen zu verzeichnen und ĂŒberall erscholl es tĂŒrkisch aus den HĂ€usern.

Jetzt kann man das Klagelied anstimmen: Die Deutschen sind eben noch nicht ĂŒber ihre Geschichte hinweg und es ist typisch deutsch, eben nicht deutsch sein zu wollen. Kann man aber auch bleiben lassen. Offenbar hat uns die Geschichte etwas gelehrt, nĂ€mlich dass dieses Land mal enorm viel falsch gemacht hat, weil ihm sein Nationalgetue zu Kopf gestiegen war. Ist es nicht sogar auch affig, wenn ein Land einmal im Jahr mit Panzerwagen den Asphalt seiner berĂŒhmtesten Straße ruiniert? Oder wie war es jetzt bei Medwedews AmtseinfĂŒhrung, des neuen russischen PrĂ€sidenten? Auch so eine MilitĂ€r-Sache. 40 Millionen Euro Schaden allein an der Kanalisation. Wer, wenn ĂŒberhaupt, sollte hier denn bitteschön wen auslachen? Dann doch lieber Einheitssuppe mit sechzehnerlei Zutaten.

Obwohl es bei Feiereien nie zurĂŒcksteckt, kann auch Kreuzberg Deutschland zum Nationalfeiertag nicht hochleben lassen, aber das verwundert natĂŒrlich nicht. Es ist das Amerika unter den deutschen Stadtgebieten, Leute von ĂŒberall her haben sich hier niedergelassen. Das bedeutet freilich nicht, dass es hier keine Deutschen mehr gĂ€be, aber die schwingen eben keine FĂ€hnchen, nur weil vor 18 Jahren mal
 Ist halt so, auch wenn das vor 18 Jahren ein wirklich dolles Ding war. Und das ist auch gut so! Ist Nationalismus nicht die ĂŒberholteste Sache der Welt? Zeigt es nicht, dass Deutschland weltoffen ist? Ja, das tut es. In diesem Sinne: Vive la France! Viva España! Viva Italia! Freiheit fĂŒr Tibet! - Und Deutschland? Nun, auch Deutschland möge natĂŒrlich hochleben. Und: „Seid einig, einig, einig!“

Christoph Seyfert

 

Kommentare
Neuer Kommentar Suche
Kommentar schreiben
Name:
Email:
 
UBBCode:
[b] [i] [u] [url] [quote] [code] [img] 
 
Please input the anti-spam code that you can read in the image.

3.26 Copyright (C) 2008 Compojoom.com / Copyright (C) 2007 Alain Georgette / Copyright (C) 2006 Frantisek Hliva. All rights reserved."