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Kreuzberg Special Kolumne Macht kaputt, was euch kaputtmacht?!?

Macht kaputt, was euch kaputtmacht?!?

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Das Kolumnieren könnte so angenehm sein dieser Tage, das Ramones-Museum hat nach zwei Jahren Pause wieder aufgemacht. Nur leider nicht an seinem alten Standort hier in Kreuzberg, sondern in der Krausnickstraße in Mitte. Weil, so der Betreiber, die Kreuzberger keine Museumsgänger seien, die Touristen aber, die man in Mitte ja alle Nase lang antrifft, sehr wohl. Statt also anregend über die Kultpunker zu referieren, wird leider von dem Fast-Food-Restaurant Subway in der Schlesischen Straße die Rede sein müssen, und von Leuten, die voller Unmut dort Steine gegen die Scheibe geschleudert haben.

Was ist da passiert? Bereits am 16. September haben bisher Unbekannte gegen die Subway-Filiale in der Schlesischen Straße Farbbeutel und Steine geschleudert. Die Polizei vermutet, es handle sich dabei um Gentrifizierungsgegner. Das sind Leute, denen es nicht passt, dass sich aufgrund der durchschnittlichen Einkommensverbesserung der Bewohner der Charakter eines Stadtteils mitunter radikal ändert. Zunächst einmal muss festgestellt werden, dass solche Befürchtungen verständlich sind. Mit dem Geld verteuern sich die Mieten und das vertreibt diejenigen, die sie sich nicht mehr leisten können. Der Berliner, der Augen und Ohren offen hat, kennt dieses Phänomen: Der Ramones-Stadtteil Mitte und der Prenzlberg haben so gut wie nichts mehr mit dem gemein, was sie einst mal waren. Wer dort wohnt, hat es oft genug „geschafft“. Als nun vor zwei Jahren anlässlich der Fußball-WM eine Fußballzeitschrift, die Kultstatus genießt, aus dem Prenzlberg in die Schlesische Straße kam, um dort im Lido die Spiele zu übertragen, schien es, als hätte sie ihren eigenen Kiez gleich mitgebracht. Seither, so meinen manche, gehe es mit der Schlesischen Straße bergauf, also bergab. Der Kreuzberger fürchtet die Gentrifizierung, wie sie bereits andernorts in Berlin stattgefunden hat.

Und für diese Sorge gibt es gute Gründe: Auch in Kreuzberg langt man unwillig immer tiefer in die Tasche, um sich das Leben noch leisten zu können. Der Stadtteil gilt als „hip“ und zieht Leute an, die für die alternative Vergangenheit kein Verständnis mehr haben und die jeden Preis zahlen, um hier wohnen zu können. Die Phasen der Gentrifizierung verlaufen überspitzt dargestellt so: Erst kommen die Kreativen ohne Geld, formen einen bunten und lebenswerten Stadtteil, ziehen dadurch Menschen an, die aufgrund der hohen Wohnraumkonkurrenz entsprechend immer wohlhabender sein müssen und schließlich verharrt der einst so lebendige Bezirk oder auch die ganze Stadt in mehr oder weniger ausgeprägter Lethargie, siehe New York. Interessant sind die Anzeichen für diese Entwicklung, die sich an den Geschäften, Restaurants und Kneipen ablesen lassen: Auf einmal wird mit großem Aufwand in den finanzstärksten Gegenden renoviert und es entstehen Geschäfte, die von der Geschäftsidee bis hin zur Gestaltung so makellos sind, dass man meinen könnte, dahinter stünde kein Besitzer mehr aus Fleisch und Blut, sondern eine seelenlose Kette, die sich ganz der Globalisierung verschrieben hat. Also ist es kein Wunder, dass sich der Frust über diese Entwicklung eben an so etwas entlädt, wie der Subway-Filiale: Hier ist man sich über ein diffuses Gentrifizierungs-Gefühl hinaus auch noch gewiss, dass da eine Kette dahinter steht. Und daraus meinen einige ableiten zu können: Nichts wie drauf! Hier gilt der Ton Steine Scherben Slogan: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“

Aber die Realität ist viel zu komplex und im Grunde unverständlich, als dass man so banale Schlüsse ziehen könnte. Wer wird hier durch was kaputtgemacht? Subway ist der Angriff auf das Geschäft in der Schlesischen Straße nämlich herzlich egal. Die eigentlichen Besitzer sind zwei Brüder, die nur als Franchise-Unternehmer mit Subway verbunden sind und auf ihren durch den Anschlag entstandenen Kosten sitzen bleiben. Bumms! Den Falschen erwischt. Aber wer Steine schleudert, ist wohl nicht der Typ für tiefgehende und folgerichtige Gedanken. Verwunderlich auch, dass die McDonald’s-Filiale in der Skalitzer Straße von Aggressionen völlig unbehelligt geblieben ist , verwunderlich nicht nur deshalb, weil diese dem Konzern wirklich selbst gehört, sondern auch, weil die Unternehmenszahlen beider Konzerne erheblich kontrastieren: Subway, gar nicht schlecht, hat einen Umsatz von 11 Milliarden US-Dollar, McDonald’s aber, Klassenprimus, einen von 22,79 Milliarden US-Dollar, also nahezu doppelt so hoch. Das ist kein Aufruf, sich nun randalierend McDonald’s anzunehmen, das ist ein Aufruf, solchen Unsinn grundsätzlich zu unterlassen.

Nein, Steineschleuderer werden die Gentrifizierung niemals aufhalten, das besorgen andere, von denen man es gar nicht erwartet hätte: Verantwortungslose Großbanker. Wie nun jeden Tag zu hören, donnern weltweit die Börsen nach unten. Von 1929 ist die Rede, als die bisher schlimmste Weltwirtschaftskrise ihren Ausgang nahm. Frage: Ist das wünschenswert? Im Hinblick auf die Gentrifizierung vielleicht schon. Kommt es zum Crash, kommt es auch zur Verarmung. So einige werden sich nun die Hände reiben: Sie hätten es ja schon immer gewusst! Und in der Tat, auch 1929 und später spielte die bröckelnde Wirtschaft so manchem in die Hände. Am Ende stand in Deutschland das Nazi-Regime, der Rest ist ziemlich ungute Geschichte. In diesem Zusammenhang ist die Gentrifizierung doch wohl das geringere Übel?

Nein, die Weltwirtschaft sollte florieren. Und über unsere Städte machen wir uns noch Gedanken, andere Gedanken, konstruktive nämlich. Wenn einem die hohen Mieten nicht passen, sollte man sehen, ob man sich nicht mit anderen zusammenschließen und Genossenschaften gründen kann, die dann ein Mietshaus erwirbt. Die Regenbogenfabrik in der Lausitzer Straße hat etwas Ähnliches bereits vor Jahrzehnten verwirklicht. So was könnte man zum Beispiel tun. Oder was anderes. Aber irgendwas Sinnvolleres als Steine werfen.

Christoph Seyfert
Kommentare
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maximausi aus st.pauli 08.10.2008

exzellenter artikel mal wieder! wenn das so weitergeht mit dieser website, werde ich einen eigenen journalisten-preis stiften, der dann herrn seyfert und herrn vogas verliehen wird.
P.S. 24.03.2009

Ich kann mich der Meinung von maximausi nur anschließen. Toller Artikel. Weiter so. Ich lese alle Ihre Artikel mit großem Genuß.
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