Das Kreuzberger Wesen |
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Nur weil sie eine Seite im Internet betreiben, die kreuzberg24.net heißt, dürfen deren Schöpfer nicht davon ausgehen, die publizistische Oberhoheit über Kreuzberg zu haben. Es gibt da eine Monatsschrift mit dem Namen Kreuzberger Chronik, die sich mit demselben Gebiet befasst. Sie liegt kostenlos in Kneipen, Restaurants und Bibliotheken aus und sollte von jedem Kreuzberger einmal gelesen werden. Darin steht z. B. wie der Planet Neptun von einer Kreuzberger Sternwarte aus entdeckt wurde und dann doch nicht, irgendwie.
 Außerdem kommen alteingesessene Kreuzberger zu Wort. In der aktuellen Ausgabe der Chronik ist von einem Eckhard Siepmann die Rede, ein echter 68er, der mit Rudi Dutschke auf du und du stand. Und: Er hat die Kinder von Ulrike Meinhof damals, im September 1970, in Sizilien betreut, „bis Stephan [sic!] Aust sie“, wie es heißt, „nach Deutschland entführte.“ – Entführte? fragt sich der Leser. In anderen Medien heißt es oft: befreite. Die Redaktion der Kreuzberger Chronik hingegen lässt das unkommentiert so stehen. Kreuzberg, so Siepmann weiter, sei Poesie, Politik und Alkohol. „Bis heute.“ Nun, das ist eine Aussage, die auf den ersten Blick richtig erscheint. Poesie! Der Chamissoplatz! Die Arndtstraße! Der Mehringdamm! Fürwahr, eine sehr literarische Gegend. Die Fontanepromenade. Als Argument zieht das aber nicht. Gottfried Benn, der am Mehringdamm seine Arztpraxis hatte und im Gegensatz zu den Straßennamenliteraten ein Autor aus der ersten Reihe war, ist schon lange tot. Man könnte Kreuzberg, jahrelang bekannt für seine aktive Friedensbewegung, genauso gut einen kriegerischen Stadtteil nennen: Die Yorckstraße! Die Blücherstraße! Die Gneisenaustraße! Und wie hieß noch mal der Mehringdamm früher? Richtig: Belle-Alliance-Straße, so wie die belgische Ortschaft, bei der Napoleon sein „Waterloo“ erlitt. Was die Politik betrifft, scheinen die Dinge klarer zu liegen: Da wäre die schon erwähnte Friedensbewegung und man denke an die vielen Hausbesetzungen in den 80er-Jahren. Die alternative Lebensform ist hier offenbar erfunden worden: Die Regenbogenfabrik zeugt noch heute davon. Und der Turnvater Jahn, als er mal nicht durch die Hasenheide hopste, setzte sich im Dusteren Keller (heute: Arndtstraße Ecke Nostitzstraße) mit Karl Friedrich Friesen zusammen und gründeten einen „Deutschen Bund“, eine stramm nationalistische Sache. Aber wie ist es heute? Heute interessiert sich der Kreuzberger zwar brennend für das Phänomen der Gentrifizierung, steht dem aber weitgehend macht- und ideenlos gegenüber. Wird eine Party vor einem besetzten Haus dann von der Polizei aufgelöst, kommt es zwar zu so einer Art Scheinwiderstand, letztlich trollt er sich aber lieber friedlich seines Weges. Er ist kritisch, aber er konsumiert auch. Mit der Politisierung ist es also nicht mehr so weit her. Die Krawalle am 1. Mai flauen seit Jahren ab und sind für die Beteiligten ohnehin nicht viel mehr, als eine spaßvolle Rauferei mit der Polizei. Bleibt der Alkohol. Da kann man aus vollem Herzen sagen: Dieser Siepmann, der hat recht! Ist das traurig? Ist das schlimm? Oder ist das der Lauf der Dinge? Es scheint so. Christoph Seyfert
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