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Kreuzberg Special Kolumne Wem gehört die Stadt?

Wem gehört die Stadt?

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Tempelhof, Mediaspree, O2-Arena, Landwehrkanal, Admiralbrücke, Kottbusser Tor, SO 36, Reichenberger Straße. Die Liste der umkämpften Orte in Kreuzberg und Berlin ist lang und sie wächst weiter. Genauso wächst auch das Unbehagen, der Zorn, zum Zuschauer verdammt zu sein, zum buchstäblichen Zaungast, wie in Tempelhof. Doch Widerstand ist längst organisiert. Immer mehr Menschen wollen mitreden über die Zukunft der Stadt, die Gestaltung der Räume, in denen sie sich täglich bewegen. Weil sich jetzt, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, eine Entwicklung wiederholt im Westen Berlins, die im Ostteil der Stadt schon abgeschlossen ist: die vollständige architektonische und soziale Entkernung ganzer Bezirke. Hier in Kreuzberg wird das alles etwas anders ablaufen. Der Prozess wird länger dauern, die Veränderungen werden erst mit Verzögerung wirklich spürbar werden. Doch dass der Prozess längst in Gang gesetzt wurde, daran besteht kein Zweifel. Die Stadt ist Beute. Und warum sollte Kreuzberg hier ausgenommen sein? Die Immobilienbranche sagt: Berlin wird gerade erst entdeckt.  Berlinhype? Er beginnt gerade erst. Damit stellt sich die Frage: Wem gehört die Stadt?
 
"Bonzen raus" kann man noch an vielen Wänden in Kreuzberg lesen. Auch am mittlerweile fertig gestellten Carloft-Haus in der Reichenberger Straße stand die Kampfformel der Autonomen lange Zeit. Jetzt ist sie weiß übertüncht. Ende Juni versuchten Demonstranten das ehemalige Flughafengelände Tempelhof einzunehmen. Die Aktion endete im altbekannten Polizeiballett, der Zaun hielt und wurde sogar noch verstärkt. Und das riesige Halbrund bleibt vorerst was es ist: ein Flughafen, dessen Stiftungszweck entfallen ist.
Bürgerbündnisse haben sich auch zum Kampf gegen die lückenlose Bebauung des Spreeufers formiert - "Mediaspree versenken!". Bei der O2-Arena, Hassobjekt vieler Aktivisten, ist der Protest gescheitert, der Multievent-Koloss steht.  Verhindert werden konnte dagegen die Abholzung des Landwehrkanal-Ufers und der Rückbau der Polder auf der Admiralbrücke. Hier stehen sich feiernde Freigeister und schlafgestörte Anwohner feindlich gegenüber. Am Kottbusser Tor formierte sich Widerstand gegen die Drogenszene, gegen das SO 36 klagt ein Nachbar. Wie viele Menschen Monat für Monat aus Kreuzberg wegziehen, weil sie sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können, ist unbekannt.
 
Für sich genommen sind dies alles kleine oder höchstens mittlere Umwälzungen, die normal scheinen in einer Stadt, die nie zu einer endgültigen Form finden wird. Oder doch?
Man könnte nun begeistert sein darüber, dass soviel Neues entsteht. Werden wir nicht genau darum beneidet von so musealen Städten, wie Wien, Paris, Rom? Doch bis auf die Politik, die froh ist um ein wenig fahlen Glanz für das bankrotte Berlin, scheint niemand begeistert. Warum nur? Dass die Stadt immer kleiner wird, gemeint ist das langsame Verschwinden der vielen Orte, die Berlins unbeholfenen Werbeclaim "Be Berlin" erst mit ein wenig Sinn aufladen, ist mehr als ein Ärgenis für viele.  Denn für viele verschwindet genau das Berlin, wegen dem sie einst hergezogen sind - die Freiräume, das Unfertige, das sich Verändernde wird ein für allemal weggegeben. Im Gegenzug erhält die Stadt ein verwechselbares Gesicht: konfektionierte Einkaufsmalls, Restaurants, Bars und Läden - alles gibt es schon dutzendfach. Wer das alles für Schwarzmalerei hält, der sollte einen paar Stunden im "Alexa" verbringen, oder die Auguststraße entlang laufen: hier ist der Blick umzingelt von lauter Investorenarchitektur - kalt, nicht kühn. Und das "Be Berlin" hat an diesen Orten schon gar keine Bedeutung mehr.
 
Städte stehen nicht still, das ist klar. Doch Berlin ist auf dem besten Weg dorthin. Dieser Widerspruch ist es, der einen bei jeder neu sich schließenden Baulücke traurig stimmt. Zumindest für die momentan umstrittensten Baulücken - Tempelhof und Spreeufer - sollten die Verantwortlichen den Protest  deshalb endlich ernst nehmen. Die Aufgabe ist riesig und nur von allen zu stemmen. Es geht um viel mehr, als nur Architektur. Es geht darum, ob Berlin die spannende Stadt bleibt, die sie in den Jahren nach der Wende war und in immer kleiner werdenden Teilen bis heute ist. Denn nichts anderes meint doch das "Be Berlin", als das Aparte, Ungewöhnliche, Schräge. Es ist schlicht schützenswert. Andernfalls sollte sich der Senat recht bald schon nach einem neuen Claim umschauen. Denn "Be Berlin" heißt übersetzt: Uns allen gehört die Stadt.
Kommentare
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KSN 27.07.2009

Meine Güte, hast du sonst nix zu tun als zu lamentieren? Kein Bock auf Veränderung, soll alles beim Status quo bleiben (sprich: 90er und früher), Nabelschau ànstatt Blick über den Tellerrand?
Sorry, aber dieses Gentrifizierungslamento dreht sich doch im Kreis. Wer will den Menschen verbieten, in andere Stadtteile zu ziehen? Da fällt mir nur die Stasi ein... Wie sahen die Stadtteile im Osten denn aus nach der Wende? Ich würde sagen, das hat sich verbessert...

Der Punkt ist: Was hat denn mit dem Renovieren von Stadtteilen (wie in den 90ern im Osten) die Mediaspree, das Zubetonieren und Privatisieren des Spreeufers, zu tun? Was Tempelhof? Klar, irgendwie hängt alles zusammen, aber wie?!
Anonym 28.07.2009

Was heißt hier lamentieren? Ich denke der Autor hat sich nur Gedanken zum zukünftigen Stadtbild Berlins (inbesondere Kreuzberg)gemacht. Und darüber zu "lamentieren" sollte man nie müde werden, außer man hat sich dem "Gentrifizierungslamento" bereits ergeben und zieht ein Kreuzberg neureicher Bonzen mit jeder Menge Mitte-Chic vor. Und dann verbietet niemand den Stadtteilwechsel, oft bleibt nichts anderes übrig.
Städte sind zu jeder Zeit Veränderungen unterworfen, ein Status quo lässt sich nur schwer halten. Nur sollte die ansässige Bevölkerung mitentscheiden können und aktiv am Wandlungsprozess beteiligt sein. Und der erste Schritt hierzu ist es sich Gedanken zu machen. Vielleicht werden dann auch die Zusammenhänge zwischen Tempelhof, Mediaspree und Stadtteilrenovierungen und klarer.
Entsafter 29.07.2009

Schwierige Sache, das. Früher galt derjenige, der einen anderen aufgrund dessen Andersartigkeit aus seinem Haus, Viertel, Ort geworfen hat, als konservativ - bestenfalls. Heute sollen in Kreuzberg bestimmte Personengruppen wiederum rausgeworfen werden, weil sie nicht "hierher" gehören. Nun soll freilich im eigenen Saft braten, wer mag. Und dass mit einer veränderten Mieterschaft auch das Schreckgespenst der Gentrifizierung ins Haus steht, mag so abwegig nicht sein. Aber gibt es in der Wahl der Mittel, dieser Entwicklung zu begegnen wirklich nur die Alternative "Anzünden" oder der Ruf nach dem starken Arm des Senats?
Belina 18.08.2010

Ganz ehrlich: Berlin ist längst im Arsch! Danke, Politik und Geldsäcke!
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