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Kreuzberg Special Kolumne Herbst in den Köpfen

Herbst in den Köpfen

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Über den Herbst ist furchtbar viel geschrieben und gedichtet worden. Man könnte behaupten: allgegenwärtig ist der Herbst. Jeder, der im Herbst seines Lebens steht - oder aber in Herbstnebeln umherirrt und von der hereinbrechenden Herbstkälte einer Herbstnacht schnell ins herbstliche Nest flüchtet, das er hoffentlich rechtzeitig sich eingerichtet hat, denn: wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr - weiß das. Auch im Frühling, selbst im Hochsommer kann man zu herbstlichen Gedanken neigen, vielleicht weil man schon die Herbstkleidung aus dem Schrank holen muss, weil das Wetter langsam herbstlicher wird.

Ja, der Herbst ist allgegenwärtig. Als zuweilen zwiespältige Mischung aus wohligen und melancholischen Gefühlen, die allein einem fremd sein dürften: dem Herbstmeister der Fußballbundesliga. Aber über ihn kein weiteres Wort an dieser Stelle. Denn, wie jeder weiß, ist der Herbst die Saison der langen Bärte, der Ofenkatzen, der Teebrüherei und kalten Spaziergänge und im schlimmsten Falle der langen Spieleabende, aber nicht des Fußballs, der sich ja sowieso in die Winterpause verabschiedet.  Nein, der Herbst ist nicht die Zeit, in der man große Lust verspürt, lange vor der Tür zu sein. Das liegt nicht nur an der Herbstkälte oder dem Herbstlaub, das die Natur zuerst als hübschen Teppich über die Straßen und Wege ausbreitet, um es bald darauf in eine rutschig-hinterlistige Melange zu zersetzen, die Fahrradfahrer und Fußgänger zu gefährlichen Tänzchen zwingt. Nein, die Herbstkälte ist es nicht und nicht das Herbstlaub, das von stoischen Hausmeistern mit Gebläsen, Schaufeln, Besen auf andere Grundstücke verteilt wird - "sollen die das doch entsorgen" - es ist der Herbst in den Köpfen. Das Bewußtsein, dass nicht der lockere Sommer vor der Tür steht, sondern der grimmige Winter, der ja heutzutage auch nurmehr ein verlängerter Herbst ist. Keiner hat dieses Herbstgefühl wohl jemals besser in Worte gefasst, als der oben schon einmal zitierte Rilke: "Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben", heißt es in seinem Gedicht "Herbsttag". Wie niederschmetternd, nicht? Hin und her wandern, unruhig wie die von den Bäumen herabsegelnden und vom Wind verwehten Blätter. Und dann wieder wachen, lesen, lange Briefe schreiben. Aber an wen? Wen möchte man schon mit seinen herbstlichen Stimmungen belästigen? Zumal der Empfänger ja selbst wacht, liest und lange Briefe schreibt, wenn er nicht gerade kurz vor der Tür ist, um unruhig in den Alleen hin und her zu wandern. Und das alles auch nur, um mit noch mehr herbstlichen Gefühlen beladen zurück nach Hause zu kommen, wo wieder der Tee wartet und die langen Spieleabende...

Ach, es ist ein Teufelskreis mit dem Herbst in den Köpfen. Deswegen zum Schluß noch ein paar schöne Seiten des Herbstes. Denn im Herbst stirbt zwar die Natur, oder legt sich, ein wenig weniger dramatisch ausgedrückt, zur Ruhe, aber davor umsäuselt uns noch ihre "fruchtende Fülle", wie ein anderer großer Herbstdichter, Goethe, schreibt. Herbst ist also auch glückliche Erntezeit - wer hat jemals einen Bauern unruhig durch Alleen wandern sehen? Eben! Lehnen wir uns also zurück, trinken eine Tasse Tee und versuchen den Spieleabend mit einem Lächeln hinter uns zu bringen. Irgendwann wird er dann schon weg sein, der Herbst in unseren Köpfen.

Konstantin Vogas
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