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Kreuzberg Special Magische Orte Der Fidicinkiez

Der Fidicinkiez

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Von außen betrachtet mag man die Einwohner des Fidicinkiezes für eine glückliche Spezies halten. Immerhin wohnen sie so ziemlich im Schönsten, was Kleinbürgertum um die 19./20.-Jahrhundertwende so in Deutschland hervorgebracht hat. Sie gucken dauernd auf Prachtfassaden.
 
Diese gehören zu den Nachbarhäusern und es gibt, wenn überhaupt, nur sehr wenige hartherzige Menschen, die von sich behaupten können, so etwas trüge nicht zur Steigerung der Daseinsfreude bei. Aber von der Fassade allein, kann der Mensch nicht leben und auch in der Fidicinstraße wird es nachts recht dunkel.
So mancher, der hier wohnt, musste den folgenden Dialog führen:
„Wo wohnst du?“
„In Kreuzberg.“
„Und wo da?“
„In der Fidicinstraße.“
„?“
„Die dritte Parallelstraße von der Bergmann in Richtung Flughafen Tempelhof.“
„Ach, und das ist noch Kreuzberg?“
Ja, das kennt der Fidicinbewohner gut: Das Gefühl, nicht dazuzugehören. In solchen Momenten hält er inne: Nein, auf dieser Welt findet er keine Herberge, da ist nichts zu machen. Es ist ihm auch kein Trost, dass sich, zumindest sommers, Kolonnen von Touristenbussen durch seine Straße wälzen, die in ihrer Klobigkeit und angesichts der relativen Enge der Fahrbahn aussehen wie Wale, die sich in die Unterläufe von Flüssen verirrt haben. Innen sitzen Menschen mit gezücktem Fotoapparat und sagen: „Guck’ mal, Gerda, Gründerzeitbauten!“ – „Was wissen die schon?“, fragt sich der Fidicinbewohner. Er für seinen Teil weiß noch nicht einmal, wie man den Namen seiner Straße richtig ausspricht. Manche nennen sie italienisch, an die C-I-Kombination zum Beispiel in „Ciao“ angelehnt, „Fiditschinstraße“, andere sagen „Fidizin“. Und es gibt Bildungsbürger, die mit emporgehobenem Zeigefinger herbeigeeilt kommen und darauf bestehen, dass es natürlich „Fidikin“ ausgesprochen werden muss, „wie bei Kikero (Cicero)!“
Trotz ihrer relativen Prominenz aufgrund ihrer Bausubstanz – Filmteams gehen hier oft ihrem Handwerk nach – ist die Fidicinstraße, anders als es der Titel dieser Ortsbegehung großspurig behauptet, kein eigenständiger Kiez. Sie fristet ein Dasein am Rande. Und dabei ist es noch nicht einmal so, dass es in ihr keine Geschäfte gäbe, oder Nachtleben sich nur in den privaten Gemäuern ihrer Bewohner abspielte, nein, sie verfügt über alles, aber sie hat von allem zu wenig. Die Astronomie hat für das Phänomen „Fidicinstraße“ einen Begriff entwickelt, den des „Braunen Zwerges“. Das sind Objekte im Weltraum, sogenannte Gasriesen, die gerade nicht genug Masse anhäufen konnten, um das stellare Feuer in sich zu entfachen und daher selber dazu verdammt sind, ewig und ewig um ein Zentralgestirn zu kreisen. Und genau so ein Brauner Zwerg ist die Fidicinstraße: Im Vergleich zu abstrahlenden Straßen beherbergt sie respektabel viel Geschäfte und Kneipen, wird jedoch vom Sog der allgegenwärtigen Bergmannstraße auf eine äußere Umlaufbahn gezwungen. Darin besteht ihre Randständigkeit.
Die Fidicinstraße ist ungefähr 500 Meter lang, nimmt ihren Anfang am Mehringdamm, stößt von wahrhaft ehrwürdigen Häusern flankiert stoisch am Wasserturm vorbei, zieht über eine fast unmerkliche Kuppe und endet an der Friesenstraße, wo rot und bedrohlich die Polizeikaserne trotzt, in der Tom Cruise ein paar Aufnahmen für seinen Stauffenberg-Film machen wollte (nämlich die Erschießung Stauffenbergs), weil man ihm am Originalschauplatz, dem Bendlerblock, zunächst die Dreherlaubnis verweigert hatte. Und diese Kaserne ist gefühlt zumindest viel mehr als der Bendlerblock: Wer hier hineingerät, der kommt bestimmt nicht mehr raus, denkt man. Und da sie mit ihren Türmen märchenschlossartig aussieht, denkt man auch das: Wo ist die Prinzessin, die es zu retten gilt?

Märchenhaft ging es früher nicht gerade zu in dieser Straße. Die Bewohner, wie die meisten Berliner auch nur Zugezogene und daher nicht unbedingt eine verlässliche Quelle, was die Vergangenheit betrifft, flüstern sich manchmal hinter vorgehaltener Hand Schauerliches zu: In den 80er-Jahren sei es hier zu Hausbesetzungen gekommen, ja es sei sogar so gewesen, dass die Hausbesetzer im Kampf gegen die nahe und als bedrohlich empfundene Polizei zu besonders rüpelhaften Mitteln griffen: Von Wohnungen ist dann die Rede, in denen gleich am Eingang Teppiche lagen, unter denen der Boden rausgesägt war. Kam nun ein „Bullenschwein“, so der Jargon damals, und passte nicht auf, verschwand es samt Teppich in der Öffnung. Auch dafür hat die Astronomie einen Begriff entwickelt: „Schwarzes Loch“. Und da Eingänge ja immer über anderen Eingängen liegen, sei das nicht selten ein fünf Stockwerke tiefes Schwarzes Loch gewesen. Tote kommen in dieser allzu phantastischen Rede der Fidicinbewohner aber merkwürdigerweise nicht vor. Vielmehr wird dann, nicht vom guten und vom bösen, sondern vom jungen und vom alten Bullen erzählt. Der sich am Anfang seiner Karriere befindliche Beamte sei demnach forsch vorangeschritten, während der Erfahrene ihn gerade noch am Schlafittchen habe packen und zurückreißen können. Unwahrscheinlich, dass das immer so gelaufen sein soll. Der Fidicinbewohner redet auch manchmal dummes Zeug.

Beim Betrachten der Touristenbusse denkt sich der Anwohner jedenfalls: „Was wisst ihr schon!“ und ballt die Faust in seiner Tasche. Ginge es nach ihm, so organisierte er ganz andere Touren durch seine Straße, Touren, die die Randständigkeit dieses Ortes auf drastische, aber auch auf vergnügliche Weise dem Fremden vor Augen führten. Und er würde den Reiseleiter spielen. – Die Tour denkt er sich so:
Es müsste eine Kneipentour sein, angefangen am Ende der Straße, wo die Polizeikaserne steht. Gleich hier erfährt der Tourist die erste Enttäuschung: Die Kneipe, die am allerehesten so ist, wie sie sein müsste, um zum Rest der Straße zu passen, hat zugemacht. Seit geraumer Weile schon ist das „Molle Kühl“ (typischer Berliner Wortwitz, gähn) geschlossen, die letzte Runde ausgeschenkt. Ob ökonomische Gründe die Ursache sind, oder ob Gott etwas Menschliches über den Bereiber verhängt hat, konnte bis Redaktionsschluss nicht eindeutig geklärt werden. Es war eine der typischen Berliner Eckkneipen, wie man sie früher öfter angetroffen hat. Jetzt, da sie geschlossen hat, muss sich der Tourist behelfen, in dem er in das Lokal einkehrt, das dem „Molle Kühl“ gegenüber liegt. Dieses trägt den für ein griechisches Restaurant eher überraschenden Namen „Z“ und bietet feine Gastronomie. Auch das ist freilich eine Enttäuschung: Auch wenn unser Tourist sich normalerweise lustvoll über derart prachtvolle Speise hermachen würde, schaut er sich durch die Scheiben des „Z“ das „Molle Kühl“ an, dessen Schriftzug immer noch unverändert über dem Eingang prangt und wird darüber traurig. Schließlich schafft er aber mit einer extra Portion Tsatsiki eine Grundlage: Der Abend wird noch lang.

Der Reiseleiter bittet zu Aufbruch und die Tour de Fidicin beginnt. Erste Station ist die „Fidicinklause“. Und das ist dann ein Ort, wie er lange Jahre für Kreuzberg typisch war: Düster ist es hier und rauchig, eine Anlauf- und Volllaufstelle für manche, die eine schwieriger Kindheit hatten und andere, die es zu einem späteren Zeitpunkt im Leben nicht glücklich gefunden haben. Abseits des großen Bergmannkiezes und abseits jeglicher New-Economy-Gewinner treffen diese Leute hier auf ihresgleichen. Das ist dann ihre Familie. Sie spielen Karten oder sie würfeln, von Betreiberseite wird mitgetrunken. Gelächter durchscheppert die überraschend große Kneipe, übrigens manchmal auch tagsüber, da scheppert es auf den Gehweg. Man kann sich an die Theke setzen oder an einen der alten sehr rustikalen Tische. Einmal dort niedergelassen bestellt man sein Bier. Nachdem die Reisegruppe dann ein bisschen Fahrt aufgenommen hat, kommt das erste Herrengedeck angesegelt, ein zweites folgt meist. Dieses Gemisch an Flüssigkeiten macht schnell den Bauch voll Tsatsiki vergessen, über die Theke hinweg wird nach Bouletten verlangt, die man hier noch bekommt, während kein Chai latte jemals diesen Tresen verlassen hat. Der Reiseleiter, der sein Werk mit Genugtuung verfolgt, angesichts des Restprogramms aber allmählich zum Weitergehen drängt, zückt seine Brieftasche: „Zahlen, bitte!“

Was ein echter Kiez ist, besteht nicht nur in einer einzigen Straße. Und auch ein unechter wie der Fidicinkiez verfügt über gewisse Einfallswege, in diesem Fall die Kloedenstraße, an deren Ende die „Bierpause“ ihr warmes Licht auf Gehweg und Kopfsteinpflaster wirft. Man setzt sich dorthin in Bewegung, ein Gang von 30 Metern, und einige Herren der Gruppe können sich, bereits stark angeheitert, nicht gewisser Kommentare enthalten, die den Namen der Kloedenstraße zum Gegenstand haben. Dabei missachten sie, dass hier mitnichten an Fruchtbarkeit, sondern an den Historiker und Geograph Karl Friedrich von Kloeden (1786-1856) erinnert werden soll, den allerdings niemand in der Reisegruppe kennt. Die „Bierpause“, wie sollte es anders sein: eine der letzten waschechten Berliner Eckkneipen, bot lange eine Happy Hour, deren Motto lautet „trink 2 zahl 1“ und sonntags von 10 bis 17 Uhr stattfand, mittlerweile aber montags bis donnerstags von 16 bis 17 Uhr. Man hat sich hier auf die Klientel, die sich von der der „Fidicinklause“ nicht sehr unterscheidet, genauestens eingestellt: Unter Berücksichtigung eines jeden Geldbeutels wird hier Bier in vielerlei Maß angeboten. Für 0, 2 Liter Schultheiss bezahlt man 1, 10 €, für 0, 3 Liter 1, 50 €, für 0, 4 lLiter 1, 90 € und für 0, 5 Liter 2, 20 €. Hier ist es wesentlich heller, als in der „Fidicinklause“ und man kann sich die Zeit mit einem Düdelüt-Glücksspielautomaten vertreiben, der geduldig alles Geld frisst, auch das der anderen Mitglieder der Reisegruppe. Wenn man davon eher Abstand nehmen möchte, kann man auch mit den netten Gästen ins Gespräch kommen und man wird bald dazu aufgefordert, doch eine Partie Dart mit ihnen zu spielen. Und da erlebt man Erstaunliches: Während der Alkohol die eigenen Sinne mittlerweile derart vernebelt hat, dass man froh ist, überhaupt nur die Scheibe zu treffen, platziert mit geübtem Auge die Bierpausen-Klientel trotz hohen Promillepegels die Pfeile oft genug im „Bulls-Eye“ oder in der "dreimal 60". Rasch ist solch eine Partie vorbei und man wird darüber aufgeklärt, dass man es hier mit einer Dartmannschaft zu tun hat, die Wettkämpfe bestreitet. Oft sieht man das allerdings auch schon vorher, eigens dafür gedruckte T-Shirts geben herüber Auskunft.

Nach weiteren Bieren drängt der Reiseleiter zum Aufbruch und wankenden Schrittes erreicht man wieder die Fidicinstraße, die noch nicht einmal bis zur Hälfte „geschafft“ ist. Man ist froh, dass die nächste Anlaufstelle erst am Wasserturm erreicht wird, der knüppelig und phallusartig in den Nachthimmel aufragt. „Zur Sonne“ heißt das nächste Lokal, das nun angesteuert wird. Auch das ist ein ehrlicher Ort und natürlich auch eine Eckkneipe. Hier trifft sich der vordere Teil der Fidicinstraße zum Feierabendbier, zum Gutenachtbier, oder auch zum Schnitzelessen. Ja, es gibt tatsächlich unter den Mitgliedern der Reisegruppe einige, denen es nach Schnitzel verlangt. Andere halten sich an das Bier der Marke „Märkischer Landmann“, das hier über den Tresen geht. Beide machen es falsch: Die einen, weil der Tsatsiki-Bouletten-Schnitzelmix sich negativ auswirkt, die anderen weil das zusätzliche Bier einen ähnlich unguten Effekt entfaltet. Es geht also rasch weiter ins „Mandingo“, wobei man schon die nächste schöne Eckkneipe, das „Tabularasa“, links liegen lässt, weil der Reiseleiter sich hier nie des Eindrucks des Fremdkörperhaften entledigen konnte. Das „Mandingo“, eine afrikanische Diskothek am Anfang der Straße, ist in seiner ganzen Exotik auch ziemlich fremdkörperhaft, passt aber dennoch gut zur Tour. Hier kann man an einem Samstag aus der Form gegangene, aber für den Abend mit viel Bedacht und Sorgsamkeit festgezurrte Frauen jenseits der 30 beobachten, die auf mitunter sehr athletisch gebaute Söhne der afrikanischen Savanne treffen. Beide Besuchergruppen plagt die Sehnsucht: Die einen, weil sie über die Jahre hinweg zu umfangreich geworden sind, um einen ihnen kulturell etwas näher stehenden Mann den Weg in ihr Bett finden zu lassen, die anderen, weil sie gar nicht erst nach Deutschland gekommen wären, wenn in ihrem Heimatland nicht schon wieder der kommende den scheidenden Machthaber massakriert hätte und nun zum hundertsten Mal alles anders ist, nämlich unerträglich. Nirgends außer hier, am Rande der Fidicinstraße, des Braunen Zwerges, im Aufeinandertreffen mit den aus der Form gegangen Frauen und den Savannensöhnen, wird die Randständigkeit dieses Nicht-Kiezes am allerdeutlichsten.

Unsere Reisegruppe nimmt das alles nicht mehr sehr detailliert zur Kenntnis, stolpert vielmehr entschlossenen Schrittes in den Kellerclub und verwendet seine Restkoordination für einigermaßen auf die Musik abgestimmte Bewegungen. Dabei wird noch das ein oder andere Heineken-Bier geordert, nicht alle werden mehr ausgetrunken. Manche Teilnehmer des hier skizzierten Alternativtourismusses machen schon einen erloschenen Eindruck. Und der Reiseleiter reibt sich die Hände: Es ist vollbracht!

Gut, dass der Fidicinkiez so ist, wie er ist. Gut, dass in ihm (noch?) keine sogenannte „Gentrifizierung“ stattgefunden hat, ein Wort, das in der Soziologie die radikale Veränderung des Charakters eines Stadtteils oder einer ganzen Stadt beschreibt, weil das Einkommen seiner Bewohner stark ansteigt. Das zwingt dann diejenigen dazu, die am Aufschwung mal wieder nicht teilgenommen haben, woanders hinzuziehen, zu ihresgleichen. München ist komplett gentrifiziert, der Prenzlberg so gut wie. Gut, dass es im Fidicinkiez Leute gibt, die die „Fidicinklause“, die „Bierpause“, die „Sonne“ und das „Mandingo“ aufsuchen. Die Randständigkeit hat ihre Vorteile. Man beachte: Das Wort „randständig“ besteht zu fast 90 Prozent aus dem Wort „anständig“.
 
Christoph Seyfert 
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Rob Shearer 27.01.2017

Vielen Dank für dieses Artikel!

Ich lese gerade die Kurzgeschichte Fedezeen (von Günter de Bruyn) mit meine Studenten. Meine Suche auf die Bedeutung von "Fedezeen" hat lange gedauert - bis ich endlich diese Seite gefunden habe.

Ich verstehe die Geschichte viel mehr durch dieses Artikel!

Und wiedermal, Danke!
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