Wildenbruch Bar

Wir verlassen Kreuzberg einen Abend lang. Es geht nach Neukölln. Nicht in das momentan stark angesagte, stark frequentierte rund um die Weserstraße, sondern in eine Ecke, in der der sprichwörtliche Hund begraben liegt. Ein gutes Stück hinter dem Ende des Maybachufers, das hier  längst Kiehlufer heißt, liegt eine Bar, die nicht hierher passt. Im besten Sinne.

In die Wildenbruch Bar gelangt man durch einen Windfang. Das ist sowas wie eine Luftschleuse, eine zweite Tür, die die Kälte aus dem Lokal halten soll (für die, die den Begriff noch nie gehört haben). Windfang – das ist nicht weniger exotisch, wie einen Tag lang Paternoster fahren. Und dann ist man gleich drin in der Wildenbruch Bar und es ist so, als ob man eine Zeitreise gemacht hat mit diesem einen Schritt. Zapp –  und man ist auf einer Silvesterfeier im Jahr 1921. Wie das? Zunächst wegen dem gigantischen, fein gearbeiteten Büffet, das hinter der Bar steht und alle Zeiten und Besitzer bestens überlebt hat. Es stammt aus der Anfangszeit dieser Kneipe, die um die Jahrhundertwende herum das allererste Mal ihren Windfang öffnete. Dann wegen den kreuz und quer stehenden Sofas, Stühlen, Lampen und Tischchen, auf denen sich die Bierflaschen am Ende eines Samstagabends stapeln. Und am Ende eines solchen Samstagabends, wenn man das Glück hat und einen solchen erwischt, an dem aufgelegt wird und neben den Bierflaschen auch die stets etwas  schrägen Gäste kreuz und quer im Raum verteilt sind, liegend, schwankend oder tanzend – da ist dann eben Silvester 1921 in dieser dunkelbraun vertäfelten Bar.

Die Wildenbruch Bar hat etwas sehr Privates, Intimes, Unfertiges. Es erinnert an eine Künstlerbar – vielleicht will es das sogar sein. Hinter dem Barraum jedenfalls geht es weiter. Es folgt ein zweiter Raum mit Sofas, Stühlen und einem Klavier und schließlich – hinter einer nicht minder beeindruckenden Schiebetür – ein dritter, etwas größerer Raum, in dem auch getanzt werden kann und wird. Ein paar Bilder hängen an den Wänden. Da ist  die kleine Schwarzweiß-Fotografie eines gut angezogenen Herrn aus den Fünfzigern, der seinen oder einen geliehenen Foxterrier auf dem Arm hält – die beiden schauen verträumt in dieselbe Richtung. Was für eine Merkwürdigkeit. Oder ein paar großformatige Gemälde – hier und da zufällig verteilt, als ob der Künstler selbst sie einfach stehen gelassen hätte. Bohème nennt man das ganze wohl. Eine Zapfanlage gibt es in der Wildenbruch Bar nicht. Aber das ist auch egal, dann eben polnisches Lech aus der Flasche.

Darius Keller, der diese großartige Bar am ultimativen Ende Neuköllns betreibt, erzählt von den tausend Schwierigkeiten, die mit der Wildenbruch Bar verbunden sind. Ruhestörung – natürlich. Die Kneipe, die sogar über eine Kegelbahn im Keller verfügt, stand gut zwanzig Jahre leer, bevor sie wieder eröffnet wurde. Sie war schon KPD-Kneipe und später dann Treffpunkt von Autoknackern, die hier ihre Brüche planten. Dann kam das  vorläufige Aus, nur ein paar Schritte von Treptow und der Mauer entfernt, gerade noch so West-Berlin. Zu dieser Zeit war nicht nur in der Kneipe nichts los. Und jetzt ist da eben wieder Leben, in einem Teil Neuköllns, in dem es wenig gibt, abseits der Rennbahn Weserstraße. Irgendwie klar, dass die Polizei fast jeden Abend auf der Matte steht und Darius Keller über Lärm belehrt. Der übrigens plant auch den Kegelkeller wieder wachzuküssen. Tanzen könne man dort unten großartig, meint er. Doch momentan fehle zum Umbau das Geld. Die Wildenbruch Bar ist aber schon jetzt etwas ganz Besonderes. Eine Bar, die man in Mitte gar nicht mehr findet und in Kreuzberg und Neukölln kaum noch. Unfertig, wild, anarchisch ist es hier. Und das in einem wirklich bezaubernd schönen Rahmen. Die perfekte Mischung eben. Hoffentlich bleibt sie noch eine ganze Weile erhalten.

Wildenbruchstr. 68
12045 Berlin
+49 30 68974782

wildenbruch.berlin/

Montag – Sonntag ab 19 Uhr

[Gesamt:2    Durchschnitt: 5/5]

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früher auch als freudenreich bekannt, schön war die zeit…