Trinkteufel, Fixer und Bombenbastler

Einen schönen Giftcocktail serviert man uns da so kurz vor Weihnachten: von Trinkteufeln, Fixern und Bombenbastlern. Kreuzberg kommt momentan gar nicht gut weg im Kanon der Presse. Haben wir uns gerade erst an die Schlagzeilen von brennenden Luxuskarossen und beschmierten Loft-Fassaden gewöhnt, gießt man nun reichlich mediales Öl nach, um die ewige Flamme der Empörung am Leben zu erhalten. Pete Dohertys viel beschriebene Kneipentour durch Kreuzberg ist da noch das Nebensächlichste. Denn wir befinden uns hier mitten im Kriegsgebiet: ein Bürgeraufstand gegen die Fixer vom Kottbusser Tor formiert sich, während zur selben Zeit schwarz verhüllte angry young men in verrumpelten WG-Zimmern an einer neuen Superbombe basteln. Ach so, ja, und nicht zu vergessen: Kreuzbergs Mieten steigen und steigen. Auch darüber müssen wir  mal sprechen. Oder etwa nicht? – Eine Mediennachlese.

 
Man fragt sich langsam, wie passt das alles eigentlich zusammen? Denn das alles passt gar nicht zusammen. Doch fangen wir von vorne an.
 
Der nicht durch Talent, sondern durch wiederkehrende Exzesse auffällig gewordene Popbarde Doherty beschließt seine Deutschlandtournee ausgerechnet im Kreuzberger Trinkteufel. Was genau dort vorgefallen ist – nicht mal der Barkeeper, der Doherty Bier ausschenkte, weiß es genau. Stimmt nicht ganz! Doherty habe im Trinkteufel  erst Schnaps getrunken, dann nach „Drogen“ gefragt und sei danach gröhlend und Scheiben einschlagend weitergezogen, weiß der Tagesspiegel, der es wieder von der Polizei weiß. Gut für Doherty, schlecht für den Trinkteufel und Kreuzberg. Denn – so schreibt der Tagesspiegel in seiner Doherty-Nachberichterstattung weiter -, wir alle haben das Wichtigste übersehen – die Kinosessel vor den Toiletten im Trinkteufel. Ja, genau: „In keinem anderen Lokal habe ich so gemütlich Schlange gesessen und ich muss kein Punker sein, um Sitzkomfort zu schätzen“, erinnert sich der Tagesspiegelautor an seine eigenen Kneipentouren durch den Trinkteufel. Dass der Trinkteufel nun einen Ruf als Absturzkneipe besitzt und Kreuzberg den eines Absturzviertels, Pech gehabt. Dieselbe Zeitung, die Dohertys bierselige Nacht in mehreren Artikeln ausführlich rekonstruierte, sorgt sich einen Artikel später um den Ruf des Stadtbezirks und seiner Absturzkneipen (ja, der Trinkteufel war und ist eine solche und das ist auch nicht weiter schlimm oder aufregend und daher muss diese Kneipe auch gar nicht in Schutz genommen werden).
 
Weiter geht die schwindelerregende Fahrt. Zum Kottbusser Tor. Das Problem mit der Drogenszene ist alt und bekannt – nun soll die Szene versetzt werden. Ein paar Meter weiter in eine Kita in der Reichenberger Straße. Darüber machen sich viele Leute Sorgen, eine Bürgerinitiave formierte sich. Doch was macht die Bild-Zeitung daraus? „Unter der Hochbahn sollen sich Junkies in eigenen Bungalows Drogen spritzen“ – die Schlagzeile ist an unfreiwilliger Komik wirklich nicht leicht zu überbieten (Glückwunsch!). Weiter ist in der kurzen Meldung davon die Rede, der Bezirk plane, die Junkies „aus den Eingängen der umliegenden Wohnhäuser und U-Bahnschächte auf die Verkehrsinsel“ zu locken. „Zu locken“. Wer bei solchen Formulierungen nicht an die Jagd nach Ratten denkt, der ist betriebsblind für die Polemiken der Bild.
 
Doch wir haben keine Zeit hier zu verweilen, weiter geht es. Und nun wird es so richtig kriminell. Autonome bauen an der Superbombe! Das wiederum stammt nicht aus der Bild, sondern dem vorhin bereits zitierten Tagesspiegel. Man geht nochmal die jüngste Geschichte des Kreuzberger Häuserkampfes gegen das Carloft-Haus und die allabendlich niederbrennenden Autos durch, dann fällt das Wort, vor dem sich alle fürchten: Linksterrorismus. Schleyer, Stammheim, Mogadischu ziehen vor dem geistigen Auge vorbei – ein Gespenst geht um in Kreuzberg, das Gespenst der RAF. Um was geht es? Im Internet kursiere eine Bauanleitung für eine neue und gefährliche Gaskartuschenbombe, erzählt der Tagesspiegel knapp. Ein, zwei Vertreter aus „Sicherheitskreisen“ kommen noch kurz zu Wort und die warnen vor einer zunehmenden Eskalation inklusive „Personenschäden“. Punkt.
 
Jeder mag sich auf diese Kreuzberger Medienmelange der letzten Tage und Wochen seinen eigenen Reim machen. Eins scheint klar: Wir leben hier auf einem Pulverfass. Doch nicht mehr lange vielleicht. Denn die Kreuzberger Mieten steigen und steigen ja parallel zu den beschriebeben Ereignissen immer weiter an. Aber das ist schon wieder ein anderes heißes Thema.        

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