Berlin banal

Stadt der Sofaleichen. Stadt der Wut. Stadt der gebrochenen Achsen und des Mülls. Ein kurzer, vernichtender Zustandsbericht Berlins nach oberflächlicher Lektüre zufällig ausgewählter Meldungen des Tages.

Die Mär von der spannendsten Stadt der Welt steht unverwüstlich. Und dabei weiß niemand, wer sie eigentlich in die Welt gesetzt hat. Und warum. Sind andere Städte so viel schlechter? Fakt ist allein, dass jährlich Hunderttausende dem Ruf Berlins folgen – sei es als Touristen oder als Teilzeitberliner. Was sie hier suchen und finden, bleibt ihr Geheimnis. Man kann mutmaßen: Die einen verlieben sich in das Morbide, die Graffiti, die Jogginghosenmentalität. Die anderen… ach, nein, Moment. Etwas anderes hat Berlin ja gar nicht zu bieten. Oder doch? Was im Moment los ist in Berlin, verrät ein Blick in die aktuellen Schlagzeilen. Man wird bald sehen – die Schlagzeilen gleichen sich seit Jahren. Ist Berlin also am Ende doch nicht so spannend, wie alle immer sagen? Stehen wir hier still? Keine falschen Hoffnungen jedenfalls. Am Ende dieses Artikels bleibt nur Ernüchterung. Eine kurze Banalisierung Berlins.

Klick. Berlin-Nachrichten geöffnet.

In Neukölln wurde bei Sanierungsarbeiten ein menschliches Skelett entdeckt. Grausig. Aber mitnichten berlintypisch. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht noch an den Fall einer ebenfalls mumifizierten Hamburger Leiche, die hinter blinkender Weihnachtsdekoration und vor laufendem Fernsehprogramm gefunden wurde. Also abgehakt.

Nächste Nachricht. Nun drohen sie also doch noch mit Gewalt, die Guggenheim-Gegner (wir berichteten). Obwohl die Initiatoren der wandernden Diskutierbaracke gar nicht mehr nach Kreuzberg wollen, hat sich ein Aktionsbündnis „BMW Lab verhindern“ zusammengefunden. Für den Fall, dass das LAB anderswo in Berlin öffnet, kündigt das Bündnis „spontane, kreative, vielfältige und wütende Aktionen“ an. Vor allem vor den wütenden Aktionen hat die Berliner Politik Angst. Was ist eine wütende Aktion? Ein Steinwurf? Eigentlich geht es gar nicht um das LAB, sondern um Gentrifizierung und steigende Immobilienpreise. Die Stadt wird gerade erschlossen. Mit einiger Verspätung.

S-Bahn-Vertrag in Gefahr. DAS Wutbürgerthema in der Stadt. Ein Dauerbrenner. Scheinbar ist hier einfach nichts zu machen. Die unheilige Dreifaltigkeit des Berliner ÖPNV lautet seit Jahren: Marode Maschinen, kleingesparte Werkstätten und zerrüttete Fahrgäste. Und wer künftig welche Strecken wie und wann bedient – niemand weiß es. Eine S-Bahn aber wird kommen. Muss ja. Bei den vielen Touristen.

Nächste Meldung. Müll! In den Berliner Parks. Und auf den Straßen. Und an den Hauswänden. Die Neukoalitionäre von der CDU versprechen: „Berlin SauberMann!“. Alter, super! – könnte man antworten.

Was haben wir noch? Ach, hier. Auch gut. Und auch ein Dauerbrenner – ganz wörtlich sogar: In Neukölln und Zehlendorf haben in der Nacht wieder Autos gebrannt. Wahrscheinlich ermittelt der Staatsschutz.

Auf einem U-Bahnsteig raufen zwei Freunde und stürzen danach ins Gleisbett. Michael Braun, Rekordzeitinnensenator und Notar, braucht kein Übergangsgeld mehr, Mann ersticht Frau, Stellenabbau bei der Polizei, Hells Angels demolieren Auto, Piraten wollen Oper schließen, Abmahnwelle gegen Spätkäufe, Keime im Krankenhaus, Fluglärm, Humboldtforum, Tacheles, Bushido…

Klick. Berlin-Nachrichten geschlossen. Genug gelesen.

Ja, sie wiederholen sich, die Berlin-Nachrichten. Nach ihrer Lektüre reibt man sich die rot gelesenen Augen und denkt: Eigentlich bewegt sich gar nicht viel hier. Woher kommt also bloß der Glaube, Berlin sei spannender, als andere Städte? Niemand weiß es – noch nicht mal das: Ob das nun gut ist oder schlecht für Berlin. Dass es so spannend ist hier.

 

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pete
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pete

stadt der hurensöhne nicht zu vergessen