Allein im Dunkeln

Der Kreuzberger ist Weltenkenner genug, um zu wissen, dass ein kurzes sonniges Zwischenhoch alleine auch nichts daran ändert, dass die Tage wieder kürzer werden, die Luft kälter und der Himmel trüber. Das ist der Lauf der Dinge. Viele sehen sich nun mit dem Problem konfrontiert, in dieser nun anstehenden dunklen Zeit nicht pausenlos das verlorene Schöne zu beklagen. Was kann man tun?
Ganz einfach: Man vermeidet bei zu ergiebigem Regen oder bei zu grimmiger Kälte vor die Tür zu gehen, bereitet unter Anleitung eines Fernsehkoches leckere Speisen zu, umkränzt die heimische Wanne mit Teelichtern, lädt den Schatz ein und erfreut sich nach Speise und Bad im molligen Bett seines luxuriösen Daseins. Ja, so könnte das aussehen. Aber nicht hier in Kreuzberg. Berlin, so klagt jeder, ist die Single-Hauptstadt Deutschlands und wenn nicht, vielleicht sogar der ganzen Welt. Lediglich (gefühlte) fünf Prozent der Kreuzberger befinden sich in einer Beziehung, 95 Prozent gehen dem liederlichen Liebesleben nach: Irgendwann holt man sich die/den Zehnte/n ins Bett, dann die/den Zwanzigste/n… Und am Ende bleibt man doch alleine, weil jeder denkt: Vielleicht kommt ja noch was Besseres? So gut wie niemand entsinnt sich des Spruchs: „Eener alleene, is nich scheene…“ Da sind die Depressionen vorprogrammiert.
Nein, der Kreuzberger muss anders durch den Winter kommen. Er kann ungläubig auf die nach unten rauschenden Aktienkurse schauen und denken: Was hat das eigentlich für mich zu bedeuten? Und er kann daraufhin sich Bilder von der Großen Depression anschauen, wie da Menschen mit Schildern auf der Straße stehen, die sie mitunter handschriftlich sehr schön mit „Übernehme Arbeit jeglicher Art“ beschriftet haben. Wenn er schon so weit gegangen ist, könnte er auch gleich selbst zum Stift greifen und im heutigen Sprachgebrauch „Für Geld mach ich alles“ auf Pappe formulieren. Manche ließen damals ja sogar Drachen steigen, die mit dieser Botschaft versehen wurden. Auch hier ist der Phantasie des Kreuzbergers keine Grenze gesetzt.
Außerdem könnte er dem folgen, was jetzt neulich im Informationsportal „Berliner Fenster“ der U-Bahn zu lesen war und sich auf Youtube angucken, wie andere Leute „Furze [sic!] lassen“, oder es aber dem Kolumnisten gleichtun, indem er davon Abstand nimmt und stattdessen „cuica“ in die Suchfunktion dieser Video-Plattform eingibt. Eine Cuìca ist das zweitverrückteste Instrument der Welt. Es handelt sich dabei um eine Friktionstrommel, auf der man mit einem feuchten Stück Stoff reibend ein quietschendes Geräusch erzeugt. Das hört sich an, wie wenn jemand mit einem leicht feuchten Gummiabzieher über eine eigentlich trockene Scheibe fährt. Oder wie wenn man mit einem Lederlappen eine glatte Oberfläche bearbeitet. Was Menschenhand nicht alles erfindet. Wer sich das im Internet anguckt, der stößt früher oder später auf ein Schwarz-Weiß-Video, in dem Brasilianer mit opulenten 60er-Jahre-Frisuren ein Lied von eigentümlichen Reiz zum Besten geben.
Der Kreuzberger könnte aber auch der grimmigen Kälte trotzen, einen Fuß vor die Tür setzen und das Archiv der Jugendkulturen aufsuchen. In diesen eher kleinen Räumlichkeiten kann er sich mit den Mitarbeitern unterhalten und erfährt, wie das damals war, in Kreuzberg, als es noch besetzte Häuser gab. Von Wagenburgen kann er sich erzählen lassen, von denen nur die Lohmühle überlebt hat in der Nähe der Schlesischen Straße, und dass die Oranienstraße beinahe zur Stadtautobahn geworden wäre. Und er kann sich durch nahezu alle Ausgaben der Jugendzeitschrift „Bravo“ wühlen, die hier sorgsam archiviert liegen. Das ist ein besonderes Erlebnis! Man blickt dabei in Gesichter, die man so jung gar nicht kannte. Arbeitet man sich vor, kann man diesen Gesichtern beim Altern zugucken. Dem des Moderators Gottschalk zum Beispiel. Oder man vollzieht nach, wie die Karriere der Nena ihren Anfang nahm. Auf den Seiten von Dr. Sommer haben Jungs mit ihrer Vorhaut zu kämpfen, Mädchen mit Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Im Gegensatz zu den Gesichtern der Stars ändert sich das über die Jahre hinweg nie. Und: „Mädchen wollen eigentlich nur streicheln.“ Mit dieser Fehlinformation wurden die Leser aller Generationen auch schon immer konfrontiert.
Interessant auch die Wiederentdeckungen. Sascha Hehn! Wer kennt den denn heutzutage noch? Anfang der 80er war er ein gefeierter Jungstar. Ein Blick in die „Hitparade“ verrät, dass „Du, die Wanne ist voll“ von Helga Feddersen und Didi Hallervorden ein großer Hit war. Da kommt man ins Überlegen, wie allumfassend doch das Vergessen ist. Nicht immer zu unrecht, zugegeben. – Eine weitere Überschrift: „Michael Jackson: seine Vorfahren waren Sklaven“.
Denjenigen, die es gerne haben, wenn ihnen ein Schauer über den Rücken läuft, sei geraten, sich die Bravo-Ausgabe der Woche ihrer Geburt herauszusuchen. Erst da wird einem bewusst, wie alt man wirklich ist.
Nun ja. Wer das alles getan hat, dem steht immer noch ein langer dunkler Winter bevor. Wem dann immer noch langweilig und trübsinnig zumute ist, kann ja im Duden (23. Ausgabe) nachgucken, was der korrekte Plural von „Furz“ lautet, nämlich „Fürze“, mit Umlaut. Da ist das Nachschlagewerk eindeutig. Oder er kann, auf Youtube oder real im Spezialmuseum, sich das verrückteste Instrument anschauen, das Menschenhand jemals erfunden hat, das Theremin. Oder er kann sich unter die Menschheit mischen, eine schöne Maid oder einen schönen Knaben erwählen und mit der/dem den Winter in der molligen Bude am bollernden Ofen verbringen, denn: „Eener alleene“ ist zwar nicht „scheene, aber eener und eene und denn alleene, das is scheene!“
 
Christoph Seyfert

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Kommentare

  • Jordnodder
    18/04/2009 at 16:50

    Danke vielmals für die aufmunternde Tatsache das es noch Gute auf dieser Welt gibt. Ich hatte es in dieser ersten präsommerlichen Kaltphase fast schon vergessen. Vielen Dank dafür das du in solch treffend gewählten, fast wortpoetisch aufgebauten Satzkonstruktionen nicht nur das merkwürdige Depriminierte ausdrückst sondern auch den wunderbaren, alltäglichen Vorgang der Suche nach lebensfüllenden Internetmaterials. Anbei: Ich empfehle mit wärmstem Herzen den weisen Mann der in seinem (vermutlichen) Keller unter anderem „My Way“ auf dem Theremin nachspielte. fröstelnde Grüße aus dem frisch beblätterten Neukölln.

  • Christoph
    13/10/2008 at 1:27

    Lieber Max, hab vielen Dank für deine bisher regelmäßigen und überaus wohlwollenden Kommentare! Du glaubst gar nicht, wie sehr sie Balsam waren. Dass ich mich erst verspätet dazu äußere, hat einen echt kreuzbergischen Grund: Ich fühlte mich bisher nach ausgiebigen Feiereien noch zu sehr zerbröselt. Dass ich mich wieder zerbröselt fühle, ist eine andere Sache. Nochmal: Danke für alles! Und es wäre schade, wenn du wirklich nichts mehr von dir hören ließest! Die Qaulität deiner Äußerungen ist nehzu unübertroffen! Schöne Grüße nach St. Pauli, ein ebenfalls sehr lebenswertes Stadtviertel!

  • paulemaxe
    12/10/2008 at 9:53

    „ubi bene, ibi patria.“ da wo es dir gut geht, da ist deine heimat. danke, christoph, wieder ein guter artikel (das ist übrigens das letzte mal, daß ich dich lobe, denn ich habe kaum zeit, jeden tag eine lobes-kolumne auszufüllen, hier in eurer kommentar-rubrik). „ubi bene, ibi patria“, und kreuzberg ist ja wahrlich ein echter flecken heimat, mehr als andere orte, vielleicht zum beispiel köln, schwabing oder st.pauli können da nur mithalten. meine oma erzählte mir den alten witz von den zeiten kurz vor dem deutsch-deutschen mauerbau in berlin. diejenigen, die noch ein schlupfloch unter den ersten zäunen erwischen konnten, schlupften ja da manchmal noch durch, hinüber in den verheißungsvollen westen, sofern sie die überzeugung hatten, daß dann dort alles aber auch alles vermeintlich besser sein würde. und woran erkannte man, woher sie kamen? auf berlinerisch sagte man sich: „ubi beene, ibi patria.“ extremitäten als gradanzeiger dafür, wohin man mit dem kopf durch die wand will. Jedenfalls sind die kreuzberger mit eurer webseite nicht mehr so alleene, und auch ich, der ich berlin nie ansässig erleben durfte, sondern immer nur im kurzaufenthalt, fühle mich kreuzberg mehr verbunden als etwa hamburg-eimsbüttel. obwohl eimsbüttel gar nicht so schlecht ist wie sein ruf. einen schönen sonntag wünsche ich euch, aber laßt die teelichter um die badewanne weg, und auch den latte macchiato bringt nicht eurer bettgefährtin ans bett, denn geschmack habt ihr, das habt ihr hier nicht nur einmal bewiesen. max.

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