Beschreibung
Man mag nun denken: Hm? - Ein Wohnhaus, ein normales Wohnhaus? Was um alles in der Welt soll daran besonders sein? Hier also beginnen schon die Schwierigkeiten. Wie soll man erklären, was das Besondere an diesem Haus in der Körtestraße 12 ist? Man muss sich die Zeit nehmen und hier ein paar Momente verweilen. Denn normalerweise lässt man das kleine, cremefarben-blaue 50er-Jahre-Haus unbeachtet links liegen. Ein Fehler.
Die 50er- und frühen 60er-Jahre waren angefüllt mit Wirtschaftswunder. Aus allen Ritzen quoll der neue Wohlstand. Auch in West-Berlin kam er an; nachdem die Berlin-Blockade 1949 beendet war ging es bergauf. Neue Autos, Arbeit im Überfluss - und natürlich: neue Wohnhäuser, so dringend benötigt in der vom Krieg zerschundenen Stadt. Aus welchem Jahr das Wohnhaus in der Körtestraße genau stammt, ist leider nicht bekannt. Doch es verströmt schon auf den ersten Blick den Geist jener Zeit.
Verspielt, leicht mint-farben, mit einem ausladenden Balkonteil und zwei "Bullaugen", die auf die Straße blicken. Das ganze Haus wirkt wie ein vergrößerter Nierentisch. Eckig und doch schnittig. Endlich vergessen wollte man in diesen Jahren die schweren, dunklen Bauten der Weimarer- und Nazi-Zeit. Es gab eine Reihe von Architekten und Stadtplanern in der ersten Aufbauphase Berlins zwischen 1949 und 1961, die ganz bewußt "niedlich" und "heiter" bauen wollten - d. h. niedrige Häuser, die nichts einschüchterndes, schweres oder dunkles mehr ausstrahlen sollten. Das alles kann man am Haus Körtestraße 12 ablesen. Denn, was jedem Passanten sofort ins Auge fällt, ist die geringe Höhe des Hauses. Gegenüber den anschließenden Gebäuden bricht der Zwerg einfach ab, was das Spielerische des Hauses eben nur noch mehr unterstreicht. Ein wenig wirkt es also, als hätte ein Kind das Ganze aus dem Baukasten heraus entworfen. Doch anders als die Kinderbauklotzhäuser, hat das Wohnhaus in der Körtestraße die Zeit überdauert. Berlin und insbesondere Kreuzberg, das auch architektonisch voller Überraschungen steckt, ist mit ihm um eine kleine Attraktion reicher. Es bleibt zu hoffen, dass es auch kommende Modewellen überstehen wird.
Max
14/05/2019 at 21:36Schöner Artikel, vielen Dank. Bin schon 1000x dran vorbeigelaufen, ohne das wirklich wahrzunehmen.